Enneastar beinhaltet viele Elemente der Enneagramm-Geschichte

über uns: Geschichte

 

Die Unter­suchung der Ennea­gramm-Geschichte bringt faszi­nie­rende Geistes­strömungen ans Licht, aber auch unhalt­bare Legenden.

 

Diese Seite dient als "Beipack­zettel" für den 2-Minuten-Test. Markus Brunner erklärt ver­schie­dene Grund­bestand­teile von Enneastar, die auf das Ennea­gramm und dessen Geschichte zurückgehen.

 

Auf vielseitigen Wunsch wurden alle Englisch­zitate ins Deutsche über­setzt, was bei der Quellen­angabe jeweils mit "übersetzt" vermerkt wird. Wer diese Zitate in der Original­version lesen möchte, findet mit folgendem Link eine identische Seite mit Original­zitaten: → Zitate in Originalsprache.

 

Enneastar integriert faszinie­rende Elemente der Ennea­gramm-Geschichte.

 

Zitate in Originalsprache


 

 

Enneagramm-Geschichte

Enneagramm-Geschichte

Geschichte erwähnt nicht nur Personen, Fakten und Daten, sondern ist immer auch subjektive Interpretation von Ereignissen. Das ist bei der Geschichte des Ennea­gramms nicht anders. Jeder Enneagramm-Kurs hat seine eigene Aus­legung der Ennea­gramm-Geschichte.

Auf dieser Seite macht Markus Brunner unsere Sicht der Ennea­gramm-Geschichte trans­parent.

Unsere Ent­deckungen über­raschen. Des­halb beginnen wir mit einem "Wort der Warnung":

 

 

 

Vorsicht - Diese Seite verraet die wahre Enneagramm-Geschichte

Herkunftsgeschichte garantiert Überraschungen

Sie kennen und lieben das Ennea­gramm als uralte geheim­nis­volle Sufi-Lehre? Dann wollen Sie viel­leicht gar nicht wissen, was Sie auf dieser Seite über den Ursprung des Ennea­gramms lesen können. Bedenken Sie bitte: Die folgenden Informa­tionen könnten Ihre Sicht der Ennea­gramm-Herkunft auf den Kopf stellen. – Wenn Sie aber Über­raschungen lieben, sind Sie hier genau richtig. Wir laden Sie ein, einen Blick hinter die Kulissen der Ennea­gramm-Geschichte zu werfen.

 

 

 

Gurdjieffs Enneagramm - ueberliefert durch Ouspensky
Ouspensky 1949/2010, 421

Enneagramm-Geschichte – Kurzversion

Das Enneagramm ist ein geo­me­tri­sches Symbol, das auf den Russen Georges I. Gurdjieff (1866-1949) zurück­geht. Es wurde durch Schriften seines ehema­ligen russi­schen Schülers, Peter D. Ouspensky (1878-1947) über­liefert (siehe Grafik).

Auch der Bolli­vianer Oscar Ichazo (1931-2020) wird am besten als Gurdjieff-Schüler ver­standen, obwohl er das abstreitet. Er ent­wickelte aus Gurdjieffs Lehre und Symbol – wohl inspi­riert durch den Ouspensky-Schüler Rodney Collin (1909-1956) – eine Neun-Typen-Lehre, die er zuerst in Arica (Chile), später in seiner "Arica-Schule" in New York City (USA) unterrichte.

Ichazos bekann­tester Schüler ist der aus Chile stam­mende ameri­ka­ni­sche Psychiater Claudio Naranjo (1932-2019), der die "Arica-Lehre" zur Typen­psycho­logie weiter ent­wickelte, die heute schlecht­hin als das Ennea­gramm gilt.

Die ameri­kanische Naranjo-Schülerin Helen Palmer ver­mark­tete das Ennea­gramm sehr erfolg­reich und setzte sich dabei gegen einen von Ichazo ange­strengten Plagiats­prozess durch (1991-1992).

Seither wird das Ennea­gramm in ganz ver­schie­denen psycho­lo­gischen und eso­teri­schen Gruppie­rungen unter­richtet, nicht zuletzt auch in kirch­li­chen Kreisen, die mit dem ersten Ennea­gramm­buch (Maria Beesing / Robert Nogosek / Patrick O'Leary) bereits 1984 stillen aber nach­haltigen Ein­fluss auf die wei­tere Ennea­gramm-Ent­wick­lung nahmen.

 

 

 

Enneagramm-Geschichte – lange Version

Die folgende detail­lierte Auf­arbei­tung der Ennea­gramm-Geschichte dient als Hinter­grund­informa­tion für die­jenigen, die sich ver­tieft mit den ver­schie­denen Geistes­strömun­gen befas­sen wollen, die im Ennea­gramm zusam­men­fliessen. Am Ende jedes Kapitels zeigen wir auf, ob und wie das je­wei­lige Ele­ment in Enneastar inte­griert wird.

Wir entfalten die Geschichte des Ennea­gramms in drei Teilen und schliessen sie mit einem vierten Teil ab.

 

1.    Das Enneagramm ist ein "Bündel der Faszination"

1.1  Enneagramm: Geometrie

1.2  Enneagramm: Wurzel­sünden

1.3  Enneagramm: Typologie

1.4  Enneagramm: Psychologie

1.5  Enneagramm: Anthro­pologie

 

 

2.    Die Herkunfts­geschichten erweisen sich als "heisse Luft"

2.1  Enneagramm: Legenden

2.2  Enneagramm: Gurdjieffs Legende

2.3  Enneagramm: Ichazos Legenden

2.4  Enneagramm: Kampf der Legenden

2.5  Enneagramm: Sufi-Legende

 

 

3.    Von der Ennea­gramm-Geschichte als "nicht hilf­reich" aus­gesondert

3.1  Enneagramm: Bewusst­seins-Stadien

3.2  Enneagramm: Astro­logie

3.3  Enneagramm: esote­rische Sekte

3.4  Enneagramm: Sheldons Typologie

 

 

4.    Schluss

4.1  Enneagramm: Fazit

4.2  Enneagramm: Literatur­verzeichnis

 

 

 

 

 

 

1.  Das Enneagramm ist ein "Bündel der Faszination"

 

 

1.1  Enneagramm: Geometrie

Ramon Llull – Gurdjieff – Enneastar

 

Das Enneagramm ist in erster Linie eine geome­trische Figur, die helfen soll, auch komplexe Realitäten mit ihr zu analy­sieren. Dieser Ansatz geht auf Ramon Llull zurück (1232-1316, oder auch: Ramon Lull, Raimund Lull), der mit zwei neun­zackigen Sternen die Wahr­heit der christ­lichen Religion beweisen wollte. Er war über­zeugt: Seine geome­trische Figuren gehen auf gött­liche Inspira­tion zurück. Sie faszi­nieren bis heute. Insbe­sondere die Figura T kann als erstes Ennea­gramm der Geschichte gelten.

 

Ramon Llull - Bergerlebnis
Le Myésier, Llulls Bergerlebnis

«Um 1274 empfängt Lull auf dem Berg Randa in der Mitte Mallorcas – seinem eigenen Zeugnis ent­sprechend auf­grund einer gött­lichen Inspiration – die Idee einer Wissen­schaft, die er die "Kunst der Wahrheits­findung" nannte – Ars inveniendi veritatem [...]. Sie sollte es ihm ermög­lichen, den Muslimen und Juden mit "not­wen­digen Vernunft­gründen" (rationes necessariae) die­jenigen christ­lichen Lehren zu erläutern, die am heftig­sten umstritten und abgelehnt wurden: die Trinität [Drei­einig­keit] und die Inkarnation [Mensch­wer­dung von Jesus Christus].» (Pindl, 266)

Dieses Berg-Erlebnis (1274) kann als Inspira­tions­stunde für Llulls neun­zackigen Sterne gelten.

 

Ramon Llull 1308_1517 - Figura A
Figura A – Llull 1308/1517

Der Llull-Schüler Thomas Le Myésier bezeugt folgende Worte, die Llull bei seiner Erleuch­tung (Illumination) gesagt haben soll: «O Gott, der Du mir durch Deine Gnade heute die [...] Prinzi­pien aller Dinge offen­baren wolltest und mich lehr­test, aus diesen zwei Figuren zu bilden!» (Fidora, XVIII) Dieser Erleuch­tung ver­dankt er seinen Bei­namen Doctor illuminatus (Fidora, XII-XIII).

 

«Die erste dieser Figuren ist mit A benannt, dem ersten Buch­staben des Alphabets, den Llull Gott vor­behält. Ent­sprechend wurde sie später als "Theolo­gische Figur" bezeichnet.» (Fidora, XXV; Hervorh. d. Verf.)

 

Ramon Llull 1308_1517 - Figura T
Figura T – Llull 1308/1517

«Die zweite Figur namens T systema­tisiert die relatio­nalen Begriffe, von denen jeweils drei zusammen­ge­nommen und den Winkeln eines Dreiecks ein­geschrie­ben werden. Auf diese Weise ent­stehen drei Dreiecke» (Fidora, XXVI; Hervorh. d. Verf.), einem Viel­fachen der Zahl Drei (Fidora, XIV).

 

Llull stellte fest: Jede Substanz hat eine innere Tätig­keit (operatio intrinseca), «die über­haupt erst eine Tätig­keit nach aussen hin ermög­licht (operatio extrinseca) [...]. Wie die Elemente z.B. ihre spezi­fische Eigen­art nicht ausser sich, sondern in sich selbst besitzen, könnte auch Gott nach aussen weder wirken noch erkannt werden, wenn er nicht in sich selbst aktiv wäre. [...] In dieser inneren korrela­tiven Tätig­keit fand Lull eine ein­sichtige Erklärung für die christ­liche Trinität [Drei­einig­keit], die ja den grössten Stolper­stein im Religions­dialog dar­stellte.» (Pindl, 282-284; Hervorh. d. Verf.)

 

Uta-Codex - Evangelistar Regensburg - 11_Jahrhundert - Das Dreieck als Symbol für die Trinitaet
Trinität-Symbol, Uta-Codex 11. Jh.

Obwohl Llull mit seinen geome­trischen Figuren vor allem auch Gottes Drei­einig­keit (Trinität) erklären wollte, gebrauchte er keines der Drei­ecke von seiner Figura T als Symbol für diese Drei­einig­keit (Gott-Vater, Gott-Sohn, Gott-Heiliger-Geist). Das ist eigent­lich erstaun­lich, da das Drei­eck bereits im 11. Jahr­hundert gerne als Symbol für die Drei­einig­keit gebraucht wurde, oft ergänzt mit einem wei­teren Symbol für Gott – in der Mitte des Drei­ecks. Dieses zusätz­liche Symbol in der Mitte des Drei­ecks änderte sich im Laufe der Zeit und unter­lag offen­bar einer jeweils vor­herr­schenden "Mode­strö­mung" in Sachen "Symbolik".

 

«Verbindet sich das Drei­eck im frühen 11. Jahr­hundert mit der Hand Gottes [siehe obige Grafik], so ver­bindet es sich des weiteren, von Stufe zu Stufe voran­schrei­tend, mit dem Haupte Gottes, mit dem [hebrä­ischen] Namen Gottes und zuletzt mit dem Auge Gottes.» (Stuhlfauth, 21)

 

Enneagramm von Athanasius Kircher
Athanasius Kircher (Webb, 506)

Ab 1700 «ist das Auge Gottes mit und ohne Drei­eck sozu­sagen all­gegen­wärtig und bei Katho­liken und Prote­stanten als religiöses Sinn­bild noch immer populär. Seit dem 18. Jahr­hundert ver­wenden es, natür­lich in ihrem Sinne, die Frei­maurer als Signet [ab 1772, wiki/Auge_der_Vorsehung], wobei sie öfter das Drei­eck auch fort­lassen oder gelegent­lich es durch das Hexa­gramm ersetzen.» (Stuhlfauth, 26-27)

 

Der Gebrauch von Gottes Auge durch die Frei­maurer lässt dieses als eso­te­ri­sches Symbol erscheinen, ob­wohl es ursprüng­lich christ­lich ist und direkt auf einen Bibel­vers zurück­geht: "Denn des HERRN Augen durch­laufen die ganze Erde, um denen treu bei­zu­stehen, deren Herz unge­teilt auf ihn gerichtet ist." (2. Chronik 16,9a)

 

Athanasius Kircher (1602-1680) liess sich von der Drei­eck-Drei­einig­keit-Symbolik inspi­rieren – mit dem Auge Gottes mitten­drin, womit er sich als Kind seiner Zeit erweist. Er kom­bi­nierte diese Symbolik mit Llulls neun­zackigem Stern (siehe obige Grafik).

An Ramon Llull (1232-1316) hin­gegen ging diese Symbol-Geschichte (Drei­eck-Drei­einig­keit) offen­sicht­lich vor­bei, ohne eine Spur zu hinter­lassen. Gut mög­lich, dass sie zu seiner Zeit auch noch nicht so bekannt war.

 

Ramon Llull - Steinigung
Le Myésier, Llulls Steinigung

Auf einer nord­afri­kani­sche Missions­reise wurde Llull zum Märtyrer. Er wurde «bei seinem Fuss­marsch durch Algerien – wohl Ende des Jahres 1315 – von der auf­gebrach­ten Menge gesteinigt. [...] In der Kirche des Franzis­kaner­klosters in Palma wurde er bestattet; dort ist bis heute sein Sarg». (heiligenlexikon.de; Hervorh. d. Verf.)

 

Der heutigen öku­meni­schen Bewe­gung dient Llull vor allem als Vor­bild für den inter­religiö­sen Dialog. «Wahr­heits­findung in Ein­tracht ist dabei das Ziel». (Mayer, 421) Es besteht aller­dings die Gefahr, dass Llulls missiona­rische Perspektive über­sehen wird.

 

Ramon Llulls Sarg - Mallorca
Llulls Sarg 1487, Mallorca

Llull wurde nach seinem Tod ganz ver­schieden (miss-)­ver­standen. Er galt als Ketzer, Heiliger, Esote­riker und schliess­lich auch als Mathe­ma­tiker. Kirchen­geschicht­lich gehört er nebst einem Thomas von Aquin (1225-1274) zu den bedeu­tend­sten Schola­stikern. Llull selbst ver­stand sich offen­sicht­lich als Missionar, der für ein inter­religiöses Fair­play einstand.

 

Neunzackiger Stern in der mittelalterlichen Architektur

Llulls Figura T ent­decken wir im 15. und 16. Jahr­hundert in der Archi­tektur, interes­santer­weise in ganz verschie­denen Gegenden.

  • So ent­decken wir sie in Anegundi, einer Aus­grabungs­stätte in Indien. Gemäss Eberhard datiert eine Expertin dieses Symbol auf das frühe 15. Jahr­hundert und sieht darin hindu­istische wie auch mosle­mische Einflüsse.
  • In Italien wurde gar die ganze vene­dische Festungs­stadt Palmanova (gegründet am 7.10.1593) auf dieses Symbol ausgerichtet.

In beiden Fällen ist aber keine tiefere Bedeutung dieser Symbolik bekannt. War die Archi­tektur von Palmanova christ­lich motiviert, bleibt deren Bedeutung uner­forscht (Hilliges, 756).

Ramon Llull ist also nicht nur die früheste, bekannte Quelle für den neun­zackigen Stern (13. Jahr­hundert), sondern offen­sicht­lich auch der Erste, der diesem Symbol eine besondere Bedeu­tung gibt. Erst ab 1844 wurde es dann auch von der Bahai-Religion bean­sprucht, wes­halb es heute – zu Unrecht – allgemein als nicht-christ­liches Symbol gilt.

 

Agrippa von Nettesheims Kommentar zu Lulls Ars brevis
Agrippa von Nettesheim 1533

Ab dem 16. Jahr­hundert finden Llulls Werke Ein­gang in esote­rische Strö­mun­gen.  So schreibt Agrippa von Nettes­heim (1486-1535) einen Kommen­tar zu Llulls Ars brevis und preist diese als «Kunst der Künste, von der alle übrigen Wissens­zweige abhingen, die alle Fragen [...] lösen könne.» (Pindl, 302-303)

 

Gurdjieffs Enneagramm
Ouspensky 1949/2010, 421

Gut mög­lich, dass auch G.I. Gurdjieffs (1866-1949) Ennea­gramm dieser esote­ri­schen Strö­mung  ent­stammt. Vielleicht auch über den Jesuiten­pater Athanasius Kircher (1602-1680), der Llulls "Figura T" Enneagon nannte (van Stijn, 253), also gleich wie manch­mal auch Oscar Ichazo (de Christopher, 64). Auf jeden Fall wollte auch Gurdjieff das «Ennea­gramm prinzi­piell als uni­ver­selles Symbol ver­stan­den wissen, mit dem jeg­liche Wissen­schaft inter­pre­tiert werden könnte und das für jeman­den, der es zu nutzen wusste, Bücher und Biblio­theken über­flüs­sig machen würde: Würde man in der Ein­sam­keit der Wüste ein Ennea­gramm in den Sand zeich­nen, könnte man die ewi­gen Gese­tze des Univ­er­sums lesen und immer etwas Neues, bis dahin Unge­ahntes dazu­lernen.» (Naranjo 2017, 55; vgl. Ouspensky 1949/2010, 432)

 

James Webb - The Harmonious Circle
James Webb 1980

James Webb leitet Gurdjieffs Symbol eben­falls auf Ramon Llull zurück (1980). Dabei geht er davon aus, dass sich Llull für seine Ideen auch von seinem Ziel­publi­kum, den Sara­zenen (Moslems), inspi­rieren liess. "[...] mit den Worten eines führenden lullianischen Gelehrten: 'Lull hatte sich in der Vorbereitung auf den Kampf gegen den Islam jahrelang in dessen Literatur und Mystik vertieft. Viele seiner Waffen hatte er von seinen Gegnern übernommen.'" (Webb, 518; übersetzt)

 

In seinen Nach­forschungen trifft Webb auf Gurdjieff-Schüler, denen Llulls Symbol bereits zu Gurdjieffs Zeiten bekannt war. "Die Lullianische Kunst war der St. Peters­burger Gruppe von Gurdjieff bekannt – sie war von Anna Butkovsky und Anthony Charkovsky wieder­ent­deckt worden – und allein diese Tatsache könnte dafür ver­ant­wort­lich gewesen sein, dass Gurdjieff das Ennea­gramm in Gesprächen mit diesen Schülern verwendete." (Webb, 519; übersetzt)

 

Übrigens: Auch Oscar Ichazo, der Erfinder des "Typen-Ennea­gramms", kannte Llulls Figuren – gemäss eigener Aussage – bereits 1943 als «Chaldean seal» bzw. Ennea­gramm (Labanauskas/Isaacs).

 

James Webb - Von Llull zu Gurdjieffs Enneagramm
von Llull zu Gurdjieff (vgl. links) (Webb, 519)

Webb sieht in Llulls Figuren die Vor­lagen für Gurdjieffs Ennea­gramm. Er zeichnete das Ennea­gramm gar in Llulls Figura A ein (siehe Grafik). Aber er macht auch auf inhalt­liche Parallelen auf­merk­sam. So ver­stand Llull seine Figuren als inter­religiöse Sprache, gemäss Webb sogar als uni­verselle Sprache.

 

Gurdjieff hatte den gleichen Anspruch an das von ihm über­lieferte Ennea­gramm. "Gurdjieff prangerte alle künst­lichen Universal­sprachen an und erklärte, dass auf jeden Fall eine gültige Universal­sprache bereits existiere. Als er seine russi­schen Gruppen in das Ennea­gramm einführte, definierte er es als 'die fundamentale Hiero­glyphe einer univer­sellen Sprache'. [...] Wir wissen jedoch, dass Lull seine Kunst bewusst so konstruiert hat, dass sie eine univer­selle Sprache zur Verfügung stellt, die Menschen aller Glaubens­richtungen unter einem einzigen Gott vereinen würde." (Webb, 519; übersetzt)

 

Enneagramm - Llull-Gurdjieff
von Llull (links) zu Gurdjieff (Webb, 512)

Wenn die obige Her­leitung des Ennea­gramms korrekt ist, bleibt nur noch die Frage, wes­halb Gurdjieff das Symbol von Ramon Llull abge­ändert hat. Gurdjieff gab hier­zu nie eine Erklärung.

Webb stellt sich die gleiche Frage, ohne eine plausible Ant­wort zu liefern.

"Ist dies eine 'absicht­liche Ungenau­ig­keit'? Nach Ouspensky nannte Gurdjieff sein Ennea­gramm 'eine unvoll­ständige und theo­reti­sche Form'. Viel­leicht hoffte er, dass seine Schüler selbst in der Lage sein würden, das Symbol zu ver­voll­stän­digen und die ursprüng­liche Harmonie wieder­her­zu­stellen." (Webb, 512-513; übersetzt)

Vielleicht ist die Ant­wort ja viel simpler: Gurdjieff wollte extra­vagant sein – und er war es auch. ☺

 

 

Enneagramm → Enneastar®

Enneastar greift auf das ursprüng­liche Symbol von Ramon Llull zurück (rechte Grafik), statt sich an Gurdjieffs Abwand­lung zu halten. Dieses Symbol wird zwei­fach verwendet.

  • Das kleine rote innere Symbol wird mit einer Perle ver­bunden, um die neun Eigen­schaften der soge­nannten Geistes­frucht als "Perle der Ewig­keit" dar­zu­stellen. Das auf­recht stehende Drei­eck des inneren Symbols wird für Gottes Drei­einig­keit ver­wendet (breite Linien), mit einem Herz in der Mitte, das Gottes Liebe symbolisiert.
  • Das grosse farbige äussere Symbol wird für die neun Typen ver­wendet, deren Team­dynamik mit ver­schie­denen Farben dar­ge­stellt wird (blau, grün, gelb). Wir erlauben uns dabei, die Ennea­gramm­typen in eine andere Reihen­folge zu bringen, statt uns an Ichazos Vor­gabe zu halten. Unsere Typen­an­ord­nung orien­tiert sich an der bibli­schen Reihen­folge der neun Eigen­schaften der Geistes­frucht, die mit dem kleinen inneren Symbol dar­ge­stellt wird (siehe oben). Die Reihen­folge des Ennea­gramms wird in Enneastar mit hochgestellten Zahlen hinter den Typen-Namen ausgewiesen.
Geometrische Unterschiede zwischen dem Enneagramm und Enneastar

 

Enneastar ist eine christ­liche Weiter­ent­wick­lung des Ennea­gramms.

Guido Eberhard ist der Meinung, dass Christen auf Llulls Stern zurück­greifen sollten, wenn sie das Ennea­gramm weiter ent­wickeln wollen, um Gurdjieffs Ennea­gramm der «gurdjieff­schen Ennea­gramm-Gemeinde» zu über­lassen (Eberhard).

Wir sehen das differen­zierter. Das Ennea­gramm wurde schon früh von Christen mit­ge­prägt. Das erste Ennea­gramm-Buch stammt von christ­lichen Ordens­leuten und hat die weitere Ennea­gramm-Ent­wick­lung stark beein­flusst (Beesing/Nogosek/O'Leary).

 

Eberhard scheint den christ­lichen Ein­fluss auf die Ennea­gramm-Ent­wicklung zu unter­schätzen, wenn er Gurdjieff auch einen Christen nennt. «So sehr Gurdjieff auch vom Sufismus und Asien fasziniert gewesen war, so war er doch zutiefst Christ – auch wenn er nie gut von den christ­lichen Kirchen sprach.» (Eberhard) Diese Behauptung ist ziem­lich hypo­thetisch. Obwohl Gurdjieff sein erstes Buch "Im Namen des Vaters und des Sohnes und im Namen des Heiligen Geistes. Amen. [übersetzt]" beginnt (Gurdjieff 1950/99, 3), und sich auch sonst immer wieder gerne beim Christen­tum bedient, bleiben diese Bezüge eben doch ober­fläch­licher Art. Gurdjieff selbst bezeich­nete seine Lehre als «eso­te­ri­sches Christen­tum» (Ouspensky 1949/2010, 147). Adäquater wäre wohl der Begriff "christ­lich ver­packte Esoterik".

 

Auch wenn Eberhard – zumindest an dieser Stelle – ungenau ist, schmei­chelt uns sein Rat trotz­dem. ☺ Als Christen greifen wir noch so gerne auf Llulls Symbol zurück und damit auf das Original bzw. sozu­sagen auf das "Ur-Ennea­gramm". Wir danken Guido Eberhard an dieser Stelle für die nach­träg­liche Bestätigung unseres Ansatzes – und zitieren ihn gerne wort­wörtlich:

«Es wäre folgerichtig, wenn das von Gurdjieff ein­geführte oder erfundene Symbol ein "Marken­zeichen" ist, das aus­schließ­lich von der gurdjieff­schen Ennea­gramm-Gemeinde ver­wendet wird. Insbe­sondere den kirch­lich orien­tierten Ennea­grammern empfehle ich, den regel­mäßigen Neuneck-Stern als Symbol zu nehmen und ihre eigene Ennea­gramm-Lehre weiter zu ent­wickeln – aller­dings müssen Sie mit der Änderung des Symboles einiges Umschreiben, weil die wissen­schaft­lich ohnehin nicht halt­bare Dogmatik der Fließ­rich­tungen dann nicht mehr ver­wendet werden kann.» (Eberhard)

 

Die Geometrie des Enneagramms (Flügel-Typen, Trost- und Stresspunkte) sollte für die Charaktertypologie gemäss Bartels aber sowieso nicht überbewertet werden:

«Wenn Gurdjieff seine Lehre in die Geometrie des Ennea­gramms geradezu hinein­ge­presst hat, so gilt das erst recht für das Ennea­gramm der Persön­lich­keits­typen. Die neun Typen haben mit der Geometrie des Ennea­gramms ursprüng­lich nichts zu tun. Man sollte die Geometrie daher auch nicht allzu wichtig nehmen. Die zahl­reichen und teil­weise diametral entgegen­gesetzten Theorien über Flügel-, Trost- und Stress­punkte beispiels­weise verdanken sich m.E. letzt­lich der Tatsache, dass die vor­gegebene Enneagramm-Figur zu einer Charakter­typo­logie umge­deutet worden ist, die sie ursprüng­lich nicht war.» (Bartels 2000, 20)

 

 

 

 

 

 

1.2  Enneagramm: Wurzelsünden

Evagrios Pontikos (8 Gedanken) – Papst Gregor I. (7 Todsünden) – Herzensbüchlein – Enneagramm (9 Wurzelsünden) – Enneastar

 

Das psycho­logische Ennea­gramm inte­griert die sieben Tod­sünden, die mit zwei weiteren Sünden ergänzt werden, um alle neun Punkte der geo­me­tri­schen Figur abzu­decken. Damit wird das Ennea­gramm zum Seelen-Spiegel, um das eigene Leben und Herz zu reflek­tieren.

 

Evagrios Pontikos
Evagrios Pontikos (etsy.com)

Die Liste von sieben Tod­sünden geht auf den Emerit Evagrios Pontikos (345-399) zurück. In seinem Buch "Über die acht Gedanken" behandelt er folgende acht Versuchungen (Evagrios Pontikos):

  1. Fresslust
  2. Unzucht
  3. Geld­gier
  4. Zorn
  5. Kummer
  6. Über­druss
  7. Ruhm­sucht
  8. Hochmut

 

Papst Gregor der Grosse
Gregor I. (heiligenlexikon.de)

Papst Gregor I. (oder: Gregor der Grosse, † 604) ordnete den Kummer dem Über­druss zu, die Ruhm­sucht dem Hoch­mut und fügte dem Sünden­katalog den Neid hinzu. Das ergibt dann eine Liste von sieben Tod­sünden (wiki/Todsünde):

  1. Superbia (Hochmut, Stolz)
  2. Avaritia (Geiz, Geldgier)
  3. Luxuria (Unzucht, Wollust)
  4. Ira (Zorn)
  5. Gula (Fresslust, Völlerei)
  6. Invidia (Neid, Eifersucht)
  7. Acedia (Faulheit, Überdruss)

 

Doch was ist mit dem Begriff "Tod­sünde" überhaupt gemeint?

  • «Mittelalterliche Theologen benannten die meist im Volks­mund unkorrekt geführte Bezeichnung der Tod­sünden als Haupt- bzw. Wurzel­sünden. Dem­nach führen die mensch­lichen Leiden­schaften wie Zorn oder Wollust erst zu den eigent­lichen Tod­sünden des Dekalogs wie Mord oder Ehe­bruch.» (Thierbach, 46)
  • «Sieben ist ja eigent­lich eine heilige Zahl. Die Tradition meint damit, dass der, der die sieben Gefähr­dungen über­windet, heil wird und ganz, dass er immer mehr ver­wandelt wird in die Gestalt Jesu Christi.» (Grün 2009, Sieben Todsünden)

 

Die Herzens-Reflexion anhand von Tod­sünden hat eine alte Tradition, die bis ins Jahr 1682 zurück­reicht. Das so­ge­nannte Herz­büch­lein ist hier­für der konkre­teste Beleg. Dieses hat die Menschen über Jahr­hunderte hin­weg in seinen Bann gezogen und ist bis heute in Gebrauch. Es gelangt 1732 von Frank­reich nach Deutsch­land, wo es 1812 von Johannes Gossner überarbeitet und neu herausgegeben wird.

«Der Erfolg der Gossner­schen Schrift war sofort nach Erscheinen unge­heuer und zwar bei allen Bevöl­kerungs­schichten, am unmittel­bar­sten aber bei den bai­ri­schen Katho­liken. Als Erbau­ungs- und Erweckungs­schrift ging das "Herz­büch­lein", wie man es kurz nannte, schnell in alle mög­lichen Sprachen über» (Spamer, 155-157) und überwand auch konfessionelle Grenzen.

Nicht «bloss in der grie­chi­schen und römisch-katholi­schen Kirche, sondern auch in der evange­li­schen Kirche fand das Büch­lein [...] viel Ein­gang.» Unzäh­lige Men­schen aus ganz unter­schied­lichen Kulturen wurden berührt und kamen zur Über­zeugung:  das bin ich. (Herzbüchlein 1873)

Beim Herz­büch­lein geht es nicht nur um Himmel und Hölle, sondern vor allem auch um die sieben (mit Tieren illust­rierten) Tod­sünden und deren Über­win­dung. Diese Schrift beschäftigt sich mit dem spirituellen Leben, welches mittels 10 Zuständen analy­siert und jeweils bild­lich reflek­tiert wird.

 

1.  «Das Bild des Innern eines Menschen, der der Sünde dient und den Teufel in sich herrschen lässt.»

2.  «Das Bild des Innern eines Sünders, der Busse thut und die Sünde zu fliehen anfängt.»

3.  «Der innere Zustand eines Sünders, der an Christum und das Evangelium glaubig und mit dem heiligen Geiste erfüllt wird.»

4.  «Bild des inneren Zustandes eines Menschen, der durch Christi Ver­dienst mit Gott ver­söhnt, nichts mehr weiss, als Jesum Christum, den Gekreuzigten.»

5.  «Das Innere des Gott­seligen. – Sein Herz ein Tempel des lebendigen Gottes, eine Wohnung der heiligsten Dreieinigkeit.»

6.  «Der Herzens­zustand eines Menschen, dessen Eifer wieder erkaltet und der die Welt lieb gewinnt.»

7.  «Das Herz eines Menschen, der nach seiner Bekehrung wieder muth­willig sündiget und die Sünde und den Satan in sich herrschen lässt.»

8.  «Der Tod des Gott­losen und der Lohn der Sünde.»

9.  «Der innere Zustand eines Christen, der im Kampfe gegen die Sünde und in der Uebung der Gott­seligkeit bis ans Ende beharret.»

10. «Der Tod des Frommen und Gerechten.» (Herzbüchlein 1815)

 

Die 10 Bilder des Herz­büch­leins von 1815 (Num­me­rie­rung d. Verf.):

Herzbuechlein 1929 - Joseph Gschwend - 7_Todsuenden
Herzbüchlein 1929, international

Das Herz­büchlein wurde 1929 vom Schweizer Joseph Gschwend (1894-1988), Pfingst­prediger und Lesotho-Missionar (Historisches Lexikon), neu über­arbeitet. Die von ihm gegründete Missions­gesellschaft "All Nations Gospel Publishers" arbeitet noch heute damit (Herzbüchlein 1929).

 

Das Herz­büch­lein zeigt mit seiner über 300-jäh­rigen Geschichte, dass die bild­liche und symbo­lische Reflexion von Tod­sünden eine grosse Anziehungs­kraft auf Menschen aus­übt. Diese Anziehungs­kraft wirkt auch im Ennea­gramm, dessen Typologie von einer erweiter­ten Liste der Tod­sünden ausgeht.

 

Enneagramm Oscar Ichazo - John Lilly and Joseph Hart
Ichazo (Lilly/Hart, 338)

Das psycho­logi­sche Ennea­gramm ergänzt die sieben Tod­sünden mit zwei Gedanken von Evagrius Pontikos (345-399) und benennt diese um. Die Ruhm­sucht wird zur Täu­schung (Naranjo spricht von Eitel­keit; Naranjo 2017, 226), der Kummer zur Angst.

 

Dieser Ansatz geht auf Ramon Llull (1232-1316) zurück, der als Erster die Todsünden auf die Neunzahl trimmte.

 

 

Enneagramm → Enneastar®

Enneastar geht nicht von den (ergänzten) Tod­sünden aus, sondern orien­tiert sich an der bibli­schen Geistes­frucht. Trotz­dem sind die – durch Evagrius Pontikos (345-399) ergänzten – Tod­sünden in den Typen­beschrei­bun­gen ent­halten, wes­halb Enneastar letzt­lich immer auch ein Nach­denken über die (ergänzten) Tod­sünden bzw. Wurzel­sünden (Rohr/Ebert, 49) ist.

Enneagramm - Entwicklung von 7 Todsuenden zu 9 Wurzelsuenden
Enneastar ermoeglicht das Reflektieren von Geistesfrucht und Wurzelsuenden

 

Enneastar kennt die gleichen Wurzel­sünden wie das Ennea­gramm. Diese werden mit den Tieren des Herz­büch­leins dar­ge­stellt. Neu hinzu kommen der Hase für Kummer/Angst und das Chamäleon für Ruhm­sucht/Täuschung.

 

Im Gegen­satz zum Ennea­gramm geht Enneastar aber primär von Tugen­den aus, näm­lich von der soge­nannten Geistes­frucht, die in der Bibel mit neun Eigen­schaften beschrieben wird.

 

Enneastar richtet sich nach der blibli­schen Reihen­folge dieser Geistes­frucht: Liebe, Freude, Friede, Geduld (alt­deutsch: Lang­mut), Freund­lich­keit, Güte, Treue, Sanft­mut (oder: Rück­sicht­nahme), Ent­halt­sam­keit (oder: Selbst­be­herr­schung). (Bibel: Galater 5,22-23)

 

 

 

 

 

 

 

1.3  Enneagramm: Typologie

Magda Kelber (9 Kommunikationsstile) – Meredith Belbin (9 Teamrollen) – Enneastar

 

Das psycho­logische Ennea­gramm ist eine Typo­logie mit neun Persön­lich­keits­mustern. Neun­teilige Typo­logien scheinen Menschen ganz all­gemein zu faszi­nieren. Eine Grafik, die in Kreisen von Sozialer Arbeit und Erwachsenen­bildung seit Jahr­zehnten "herum­geistert", liefert hierfür einen offen­sicht­lichen Beweis.

 

Magda Kelber 1958 - Typologie fuer Diskussionen
Kelber 1958/1964, 113

Magda Kelber: 9 Kommunikationsstile

Die deutsche Quäkerin und Sozial­arbeiterin Magda Kelber (1908-1987, wiki/Magda_Kelber) ist die «Erfinderin der Gruppen­päda­gogik» (Bernet). Sie fügte 1958 eine Grafik mit neun Tieren in ihr Buch "Betriebs­fibel – Fibel der Gesprächs­füh­rung" ein. Das Buch ver­steht sich als Bei­trag, «dass Demo­kratie von der blossen Staats­form zu einer Lebens­form wird, die die klein­sten Dinge unseres täg­lichen Lebens durch­dringt.» (Kelber, 5)

 

(Das Original dieser Grafik der Arbeits­gemein­schaft der deutschen Schüler­ver­trungen, Koblenz, konnten wir leider nicht aus­findig machen.)

 

Marita Pabst-Weinschenk 1995 - Typologie fuer Diskussionen
Pabst-Weinschenk 1995, 134

Das Bild wurde später von Marita Pabst-Weinschenk über­nommen (1995), die es etwas modifi­zierte und den angriffs­lustigen Hund mit einem Huhn ersetzte. Ein Jahr­zehnt später, genauer 2016, gibt Pabst-Weinschenk dem Bild noch mehr Betonung, indem sie das typische Diskussions­verhalten jedes "Tiers" schildert und adäquate Reaktionen des Gesprächs­leiters vor­schlägt.

 

Diese Grafik hat also eine 60-jährige Geschichte und ist bis heute in regem Umlauf – auf jeden Fall im Umfeld der Sozialen Arbeit und Erwach­senen­bildung. Sie ist ein Beispiel für die intui­tive Anzie­hungs­kraft, die eine gra­fisch illust­rierte Typo­logie mit neun Typen ausübt.

 

Enneastar als Typologie fuer Diskussionen

Kelber gab in einer späteren, erwei­terten Auf­lage zu bedenken, dass die von ihr bekannt gemachten Tier­figuren nicht mit "Charakter­typen" ver­wechselt werden sollten (Kelber 1977, 139).

 

Trotz­dem kann man das Gesprächs­ver­halten einer Person kaum von ihrem Typ abkoppeln. Die Tier­figuren lassen sich denn auch relativ leicht den Enneastar-Typen zuordnen, vor allem wenn man sich an die ursprüng­lichen Titel (und Tiere) von Kelber hält.

 

Die Positionen der Tiere in der von Kelber bekannt gemachten Grafik ist im Lichte von Enneastar bemerkenswert.

  • Die defensiven Typen Vermittler, Skeptiker und Beobachter sind im Mittelfeld der Diskussions­runde inte­griert. Damit ist deren Inklusion sicher­gestellt.
  • Der Vermittler ist – wie im Ennea­gramm – in der (oberen) Mitte. Seine besänfti­genden Fähig­keiten kommen damit bestens zur Geltung.
  • Vermittler werden in der Gruppe oft über­sehen. So auch in einer späteren Abwand­lung dieser Grafik, welche den Schüch­ternen ersatzlos streicht (Markworth).
  • "Das grosse Tier" (Giraffe) identifziere ich mit dem Individualist. Dieser wird von Janet Levine mit "die Königliche Familie [übersetzt]" betitelt, "weil ein Gefühl der Einzig­artig­keit, der Authen­tizität, des Besonderen, besteht [übersetzt]".

 

Wir behaupten nicht, dass die ursprüng­liche Grafik der deutschen Schüler­ver­tre­tungen auf das Ennea­gramm zurück­geht. Das ist unwahr­schein­lich, da das Ennea­gramm erst in den 1970er-Jahren einer breiteren Öffent­lich­keit bekannt wurde. Die Tier­grafik hin­gegen geht minde­stens auf das Jahr 1958 (Erst­auflage von Kelber) zurück und ist damit älter als das typen­psycho­lo­gische Ennea­gramm. Obwohl das Original der Tier­grafik kaum mehr auf­findbar sein wird, erbringt die Geschichte dieser Grafik den Beweis,

  • dass sich das kommuni­kative – und (dadurch implizit auch) das soziale – Ver­halten von Menschen intuitiv in neun Kategorien ein­ordnen lässt
  • und dass eine solche Katalogi­sierung eine grosse Anziehungs­kraft aus­übt, wenn sie bild­lich-symbo­lisch dar­gestellt und kommu­ni­ziert wird.
  • Letzteres zeigt sich dadurch, dass die Tier­grafik schon seit über 60 Jahren in der Erwach­senen­bildung-Literatur "herum­geistert".

 

 

Belbin-Teamrollen
Belbin-Teamrollen 2008/13

Meredith Belbin: 9 Teamrollen

Meredith Belbin arbeitete am Henley Management College (nach der Fusion mit der University of Reading: Henley Business School) in England. Dort unter­suchte er zuerst mit einem Management Game bzw. Executive Management Exercise (EME), später mit einem Teamo­poly die Inter­aktion und den Out­come von Teams. Der EME bestand aus Teams von 6 Personen, das Teamo­poly aus Teams von 4 Personen (Belbin 2010/13, 2-7).

 

Durch die Untersuchung von Erfolg/Miss­erfolg der ver­schie­denen Teams fand Belbin und sein Team heraus, dass es kon­struk­tive, von einander zu unter­schei­dende Team­rollen gibt. Und sie reali­sierten, dass diese Team­rollen sich ergänzen können. Es gelang ihnen sogar, den Erfolg oder Miss­erfolg eines Teams anhand dessen Team­rollen-Konstel­lation "vorauszuahnen".

Belbin ent­deckte zuerst 8 Team­rollen: Co-ordinator (früher: Chairman), Resource investigator, Monitor Evaluator, Completer Finischer, Plant, Implementer (früher: Company Worker), Shaper, Teamworker. Später kam noch eine neunte Teamrolle dazu (siehe obiges Bild).

 

Meredith Belbin entdeckte 1991 eine neunte Teamrolle - Specialist
Belbin 1981/93

Seine Erkenntnisse ver­öffent­lichte Meredith Belbin zum ersten Mal 1981 in seinem ersten Buch Manage­ment Teams – Why They Succeed or Fail. In diesem Buch, wie auch in jeder der vielen weiteren Auflagen bis zum Jahr 2000, hatte es jeweils einen Team­rollen-Test bzw. A self-perception inventory. Nicht so in der Third Edition von 2010/13. Inzwischen wurde der Test näm­lich nur noch online und kosten­pflichtig ange­boten. Dafür bezieht er sich neu auf neun Teamrollen.

 

In der Zusammen­arbeit mit IBM (Europa) stiess Belbin 1991 – durch die prakti­sche Umse­tzung seiner Team­rollen-Theorie in der Wirtschaft – auf eine neunte Team­rolle: Specialist (Belbin 1993/2010, 23). In der Auf­lage von 1981/93 wird mit einer Author's Note darauf hin­ge­wiesen (siehe Bild). Ausser­dem ent­hält der Online-Test eine zehnte "gefakte" Team­rolle, die unrea­li­sti­sches Wunsch­denken auf­decken bzw. filtern soll.

 

Zuordnung von Belbins Teamrollen zu den Enneagramm-Typen - in der Reihenfolge von Enneastar

Belbin geht davon aus, dass jeder Mensch eine natür­liche Team­rolle hat. In dieser Rolle ist er "zuhause" und kann sich damit in Teams optimal ein­bringen. Danach kommt die sekun­däre bzw. zweit­stärkste Rolle, danach mit der dritt­stärksten die tertiäre Rolle, usw.

 

Das Erstaunliche an Belbins Erkennt­nissen liegt nun darin, dass Belbin völlig unab­hängig vom Ennea­gramm neun Team­rollen ent­deckte. Wenn Belbin diese auch nicht als Persön­lich­keits­typen defi­niert, so ist trotz­dem klar, dass diese Team­rollen von der Persön­lich­keit eines Menschen nicht zu trennen sind.

 

Belbins Theorie basiert zwar auf wissen­schaft­lichen Methoden, kann aber (wie das Ennea­gramm) nicht wissen­schaft­lich bewiesen werden. Nichts­desto­trotz ist die Belbin Team Roles Theory ein Beweis, dass sich das inter­aktive Ver­halten von Menschen in neun Team­rollen bzw. Typen ein­ordnen lässt und dass eine solche Theorie viele Menschen fasziniert.

 

Enneastar ver­schmelzt das Ennea­gramm mit der Belbin Team Roles Theory, indem wir Belbins neun Team­rollen den neun Ennea­gramm­typen zuordnen (siehe Grafik). Diese Ver­schmelzung ver­ändert die Ennea­gramm-Typen nicht grund­legend, wie ein Ver­gleich mit dem Buch Typisch! So ver­stehen Sie Ihre Chefs und Kollegen mit dem Ennea­gramm zeigt (May, 206). Viel­mehr wird damit die Team­arbeit ins Zentrum gerückt. Damit bietet Enneastar einen prak­tischen Nutzen für die Zusammen­arbeit von ver­schie­denen Personen. Dieser Ansatz ist aber auch für Ehe­paare und Familien intere­ssant, um Inter­aktion und Zusammen­leben zu reflek­tieren und besser zu verstehen.

 

 

Enneastar ist eine Synthese von Enneagramm und der Belbin Team Roles Theory

Enneagramm → Enneastar®

Enneastar über­nimmt die neun Typen des Ennea­gramms und ver­bindet diese mit den neun Team­rollen von Meredith Belbin, der soge­nannten Belbin Team Roles Theory.

 

Dadurch rückt das Team­verhalten der ein­zelnen Typen in den Fokus. Aus­flüge in die Tiefen­psycho­logie hin­gegen bleiben aus.

 

Belbins Bücher bilden die Grund­lage für ein ganzes Kapitel des Enneastar-Grundkurses.

 

 

 

1.4  Enneagramm: Psychologie

Claudio Naranjo (Abwehr­mechanismen, Persön­lich­keits­störungen) – Enneastar

 

Das Ennea­gramm wäre wahr­schein­lich nie welt­bekannt geworden, wenn es nicht vom aus Chile stam­menden US-ameri­kani­schen Psychiater Claudio Naranjo (1932-2019) mit Persön­lichkeits­störungen in Ver­bindung gebracht worden wäre.

«Freilich konnte das Ennea­gramm erst populär werden, nach­dem es durch Ichazos Schüler Claudio Naranjo, einem chileni­schen Psychiater, eine gründ­liche Über­arbei­tung erfuhr und mit Erkennt­nissen der modernen Psycho­logie ver­bunden wurde. So hat Naranjo die im Diagnosti­schen und Statisti­schen Manual (DSM) vor­liegende Kategori­sierung psychi­scher Stö­rungen ver­wendet, um die Charakteri­sierungen Ichazos zu präzi­sieren. Ferner hat er jedem Typ einen jeweils bevor­zugten Abwehr­mecha­nis­mus zuge­ordnet.» (Bartels 2005, 45)

«Es ist nicht klar ersicht­lich, welche Anteile dieser Enneagramm­lehre von Ichazo stammen und welche später von Naranjo im Rahmen seiner umfas­senden tiefen­psycho­lo­gischen Kennt­nisse erweitert oder hin­zu­gefügt wurden.» (Almaas, 20)

 

Ichazos Verhältnis zu Naranjo, seinem berühmtesten und wichtigsten Schüler, scheint zwie­spältig gewesen zu sein:

 

Auf der persön­lichen Ebene warf er Naranjo "messia­nische Züge" vor und schloss ihn mittels einer Abstim­mung sogar aus seiner "Arica-Schule" aus, weshalb Naranjo vor­zeitig von Arica (Chile) abreiste. Offizielle Begründung: "Der Haupt­grund dafür war, dass er seine 'messia­nische' Haltung, die als sehr individua­listisch und ego­zentrisch empfunden wurde, nicht auf­geben konnte." (Ichazo 1991; übersetzt)

 

In fachlicher Hinsicht lobte er ihn Jahre später (1998), was natür­lich auch auf eine nach­träg­liche Versöhnung hin­weisen kann:

«[...] Claudio Naranjo, der bei mir in Chile studierte – 1969 in Santiago und 1970 in Arica. Naranjo ist einer der besten Theoretiker unserer Zeit und hat seine Fähig­keiten, seine akademi­sche Darstellung und seine intellektuelle Integrität viel­fach unter Beweis gestellt, indem er seinen Studenten eine exakte Wieder­gabe meiner Lehren zur Verfügung stellte und genau auf­zeichnete, welche logische, meta­physische, psycho­lo­gische und allgemein spirituelle Struktur sie besassen.» (Ichazo in: Almaas, 10)

«Wie schon angemerkt, gab Naranjo die sieben­fache, von mir postulierte Struktur an seine Studenten weiter und ver­folgte direkt im Anschluss an unsere gemein­same Arbeit seine Unter­suchungen über die Psycho­logie des Systems anhand der Prinzipien der Gestalt­psycho­logie, Tiefen­psycho­logie und Kognitiven Psycho­logie. Naranjo arbeitete haupt­säch­lich mit dem Ennea­gramm der Leiden­schaften, das natür­lich die psycho­lo­gische Ebene des Modells dar­stellt. Er kam zu hervor­ragenden psycho­lo­gischen Erkenntnissen über die Leiden­schaften und die Fixierungen sowie deren Beziehung zur gesamten Psyche. Auf diese Weise gab er seine weiteren Erforschungen der neun psycho­lo­gischen Typen oder Enneatypen – wie er sie passender­weise nannte – einen absolut gültigen Rahmen.» (Ichazo in: Almaas, 12-13)

 

Naranjos Typen­psycho­logie beein­flusste die Ennea­gramm-Ent­wick­lung nach­haltig. Alle wich­tigen Ennea­gramm-Lehrer(innen) können letzt­lich auf die von ihm 1972 gegründete SAT-Schule ("Seekers after Truth") zurück­ge­führt werden (vgl. Naranjo 2017, 29).

 

Bartels führt dann die von Naranjo postu­lierten Abwehr­mecha­nismen auf (Bartels 2005, 45), hier in Enneastar-Reihen­folge auf­gelistet (Zahlen weisen auf die Ennea­gramm-Reihen­folge hin):

  • Helfer-2: Verdrängung
  • Optimist-7: Rationalisierung
  • Skeptiker-6: Projektion
  • Perfektionist-1: Reaktionsbildung
  • Individualist-4: Introjektion (unbewusste Ein­beziehung fremder Anschau­ungen, Motive o. Ä. in das eigene Ich)
  • Beobachter-5: Isolierung
  • Macher-3: Identifikation
  • Kämpfer-8: Desensibilisierung (oder: Leugnung; Palmer, 15)
  • Vermittler-9: Betäubung

 

Claudio Naranjo - Charakter und Neurose
Naranjo 2017

Persön­lich­keits­störungen gemäss Naranjos Buch "Charakter und Neurose" (2017), in Enneastar-Reihen­folge (Zahlen weisen auf die Ennea­gramm-Reihen­folge hin):

  • Helfer‑2: Histrionische (thea­trali­sche) Persön­lich­keits­störung, ego­zent­rische Gross­zügig­keit
  • Optimist-7: Narziss­tische (selbst­verliebte) Persön­lich­keits­störung
  • Skeptiker-6: Paranoide (krankhaft miss­trauische) Persön­lich­keits­störung
  • Perfektionist-1: Zwang­hafte Persön­lich­keits­störung
  • Individualist-4: Borderline Persön­lich­keits­störung, masochi­stischer Charakter
  • Beobachter-5: Schizoide (zurück­gezogene) Persön­lich­keits­störung, ver­meidend-selbstunsichere oder para­noide Persön­lich­keits­störung
  • Macher-3: keine wissen­schaft­lich definierte Persön­lich­keits­störung ☺
  • Kämpfer-8: Anti­soziale Persön­lich­keits­störung
  • Vermittler-9: Dependente (abhängige) Persön­lich­keits­störung

 

Die Tatsache, dass den Macher-Typen (Ennea­gramm-Typ 3) keine wissen­schaft­liche Persön­lich­keits­stö­rung zuge­ordnet werden kann, bedeutet noch nicht, dass sie aus psycho­lo­gi­scher Sicht gesund sind. Das DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) ist «das domi­nie­rende psychia­tri­sche Klassi­fi­ka­tions­system in den USA» (wiki/DSM-5) und des­halb ein "Kind" seiner Zeit und Kultur. Da der Macher-Typ dem Ideal der ameri­ka­ni­schen Gesell­schaft ent­spricht, ist es nicht ver­wunder­lich, dass ameri­ka­ni­sche Psycho­logen in diesem Typ keine psychi­sche Störung wahr­nehmen (Naranjo 2017, 227). Naranjo ist da aller­dings anderer Meinung:

«Angesichts der Dominanz des eitlen Typus [Macher] in den USA könnte es von Bedeutung sein, dass der Kom­mission, die das DSM ent­warf, das ent­spre­chende Persön­lich­keits­syndrom ent­gangen ist. Zusam­men mit der beträcht­lichen Schwie­rig­keit, die es bereitet, jene Charakter­züge deut­lich heraus­zu­schälen, die in einer Kultur als Ganzes vor­herrs­chen und in ihr allge­mein still­schwei­gende Wert­schätzung erfahren, kann dieses Ver­säum­nis auch als Folge der Tat­sache ver­standen werden, dass Ennea­typ-III-Personen [Macher] typi­scher­weise mit sich selbst zufrieden sind. Denn ihr psycho­lo­gi­scher Irrtum besteht im Kern aus einer Ver­wechs­lung des Selbst­bild, das sie ver­kaufen (und das andere ihnen abkaufen) mit dem, was sie in Wirk­lich­keit sind.» (Naranjo 2017, 227)

 

Obwohl die Ennea­gramm-Typen – mit Aus­nahme des Machers – mit wissen­schaft­lichen Persön­lich­keits­stö­rungen in Ver­bin­dung gebracht werden, ist das Ennea­gramm des­wegen noch kein wissen­schaft­liches Konzept:

«Die Psycho­logie des Ennea­gramms ist weis­heit­licher Natur. Ichazos Typen­beschrei­bungen basieren nicht auf metho­disch kontrol­lierter oder gar empi­rischer Forschung, sondern auf der intui­tiven Menschen­kenntnis des charis­mati­schen Beo­bachters. [...] Auch wenn dann durch Ichazos Schüler Naranjo wissen­schaft­liche Elemente [...] in das System ein­flossen, bleibt die Grund­lage doch eine weis­heit­liche. Alle Ver­suche einer nachträg­lichen wissen­schaft­lichen Vali­dierung ändern daran nichts.» (Bartels 2005, 71)

 

 

Enneastar richtet sich auf die biblische Geistesfrucht aus

Enneagramm → Enneastar®

Enneastar über­nimmt Naranjos Typen­psycho­logie, inte­griert diese aber in ein anderes Konzept.

 

Kern dieses Konzepts ist die bib­li­sche Geistes­frucht, auf die alle Typen aus­ge­richtet werden.

 

 

 

1.5  Enneagramm: Anthropologie

Gurdjieff – Gurdjieff/Ouspensky – Ichazo – Palmer – Beesing/Nogosek/O'Leary – Rohr/Ebert – Enneastar

 

Das Enneagramm ordnet die neun Typen drei Bereichen zu, die für domi­nie­rende Energien stehen. Diese Drei­teilung kennen alle Ennea­gramm-Bücher, wenn sie zuweilen auch ver­schieden benannt werden.

Die Dreiteilung des Menschen hat eine lange Geschichte und ist auch im Neuen Testa­ment der Bibel zu finden (1 Thess 5,23): "Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch völlig; und voll­ständig möge euer Geist und Seele und Leib unta­delig bewahrt werden bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus."

Diese Dreiteilung braucht uns nicht zu wundern. Wenn der drei­einige Gott (Gott-Vater, Gott-Sohn, Heiliger Geist) den Menschen nach seinem Eben­bild geschaffen hat (1 Mose 1,26-27), ist es nicht erstaun­lich, wenn dieser Mensch eben­falls eine Form (oder: Formen) von "Drei­einig­keit" (Tricho­tomie) aufweist.

 

Die Dreiteilung im Ennea­gramm geht auf Gurdjieff zurück, der seine Anthro­po­logie aller­dings nicht mit seiner geome­trischen Figur ver­bindet. Erst Ichazo ver­eint das gurdjieff­sche Ennea­gramm mit der gurdjieff­schen Anthro­po­logie und ent­wickelt aus beiden die Typo­logie, welche die Grund­lage für Naranjos Typen­psycho­logie bildet, die wir heute als das (psycho­lo­gische) Ennea­gramm kennen.

Gurdjieffs und Ichazos Drei­teilung weichen von der Drei­teilung der Bibel vor allem im Bereich Geist (Bibel) und Intellekt (Gurdjieff-Ichazo) ab. Die Bibel ver­steht unter Geist das unsicht­bare Herz als spirituelles Organ. Dieses gilt als das wich­tigste Organ über­haupt: "Mehr als alles, was man sonst bewahrt, behüte dein Herz! Denn in ihm ent­springt die Quelle des Lebens." (Spr 4,23) Den Intellekt ordnet die Bibel der Seele zu.

 

Mit der Betonung des Intellekts ent­sprechen Gurdjieff und Ichazo auch heute noch dem Zeit­geist. Sie beziehen sich aller­dings nicht auf die heutige Wissen­schafts­gläubig­keit (Szientismus), sondern auf ein (angeb­liches) Geheim­wissen. Insbeson­dere Ichazo wollte seine Lehre geheim halten und belegte sie mit einer Schweige­pflicht. Er ging sogar gericht­lich gegen die Veröffent­lichung des Ennea­gramms (durch Helen Palmer) vor, unter­lag aber in erster und zweiter Instanz (Justia US Law 1991+1992).

 

Die römisch-katholische Kirche katalo­gisiert das Ennea­gramm als gnosti­sche Bewegung, die nicht der bibli­schen Lehre ent­spricht (Vatikan 1984). Erlösung über Geheim­wissen ist tat­säch­lich ein Haupt­merk­mal der Gnosis, welche auf Wiki­pedia wie folgt defi­niert wird: «Wissen um gött­liche Geheim­nisse, das einer Elite vor­be­halten ist.» (wiki/Gnosis)

Das angebliche Geheim­wissen wurde schliess­lich doch ver­öffent­licht. Und es ist – zumindest im Bereich der philo­so­phischen Anthro­po­logie – ziem­lich kompli­ziert. Enneastar ist viel ein­facher auf­gebaut. Man kann sich die folgende Ver­tiefung in die Anthro­po­logie des Ennea­gramms also auch gerne schenken, zumal sie auch in vielen Ennea­gramm­büchern nur ange­deutet wird. Doch wieso ein­fach, wenn es auch kompli­ziert geht? Für alle, die es kompliziert mögen: Vor­hang auf für die verschie­denen Zentren! ☺

 

 

Anthropologie von Gurdjieff
Ouspensky 1950/2014, 77

Gurdjieff: 3 Stockwerke/Gehirne, 4 Zimmer/Zentren

Gurdjieff kannte eine Drei­teilung des Menschen (Taylor, 8) in drei Stock­werke. Jedem Stock­werk wird ein Zentrum zuge­ordnet, dem unter­sten deren zwei.

«Wir werden heute mit einer mehr in Einzel­heiten gehenden Prüfung der Zentren beginnen. Hier das Dia­gramm der vier Zentren [siehe Grafik]: Dieses Dia­gramm zeigt einen stehenden Menschen im Profil, der nach links schaut; es deutet die jewei­lige Stellung der Zentren in ganz schema­tischer Weise an. In Wirk­lich­keit bewohnt jedes Zentrum den ganzen Körper und durch­dringt sozu­sagen den ganzen Organismus. Gleich­zeitig besitzt jedes Zentrum, was man seinen "Schwer­punkt" nennt. Der Schwer­punkt des intellek­tuellen Zentrums befindet sich im Gehirn; der Schwer­punkt des Gefühls­zentrums im Solar-Plexus, die Schwer­punkte der Bewegung und des Instinkts im Rücken­mark.» (Ouspensky 1950/2014, 77-78)

 

Für Gurdjieff stehen die drei Stock­werke auch für drei religiöse Systeme. Der erste Stock (Körper) steht für den Fakir, der zweite Stock für den Mönch, der dritte für den Yogi. Gurdjieff lehrt dann einen vierten Weg. Dieser Begriff wurde zum Inbegriff für seine Lehre. Der vierte Weg zeigt sich darin, dass ein schlauer Mensch gleich­zeitig an allen drei Stock­werken arbeiten kann – ohne (unnötige) religiöse Hingabe.

Gurdjieff spricht auch von Zimmern und meint damit die Zentren, die sich auf die drei Stock­werke ver­teilen. Er erwähnt ein viertes Zimmer, das nur vom schlauen Mensch richtig benutzt werden kann. Dieses steht für das instinktive Zentrum, welches Ichazo später in ein niederes und höheres unter­teilen wird.

«Somit berührt der vierte Weg alle Seiten des mensch­lichen Wesens gleich­zeitig. Er ist Arbeit an allen drei Zimmern auf einmal. Der Fakir arbeitet im ersten Zimmer, der Mönch im zweiten, der Yogi im dritten. Wenn sie das vierte Zimmer erreichen, lassen Fakir, Mönch und Yogi viel Unfer­tiges hinter sich zurück, und sie können das Erreichte nicht anwenden, weil sie nicht Herr aller ihrer Funktionen sind. Der Fakir ist Herr seines Körpers, nicht aber seines Gefühls und seines Denkens; der Mönch ist Herr seines Gefühls, nicht aber seines Körpers und seiner Denk­fähig­keit; der Yogi ist Herr seines Denkens, nicht aber seines Körpers und seines Gefühls.» (Ouspensky 1949/2010, 70)

 

Der von Gurdjieff propagierte schlaue Mensch kennt "Abkür­zungen" bzw. "Tricks", wie zum Beispiel eine gewisse Pille. Damit zeigt sich der vierte Weg grund­sätz­lich auch für Drogen empfäng­lich. In Gurdjieffs Fall war es vor allem der Alkohol.

«Ein Mensch, der den vierten Weg geht, weiss ganz genau, was für Stoffe er für sein Ziel benötigt, und er weiss, dass diese Sub­stanz im Körper durch einen Monat physi­schen Leidens hervor­gerufen werden kann, durch eine Woche emotio­naler Anstren­gung oder einen Tag geistiger Übungen – und auch, dass sie von aussen in den Organis­mus ein­ge­führt werden kann, wenn man weiss, wie man dies tut. Und so, anstatt einen Tag mit geistigen Übungen zu ver­bringen wie der Yogi, eine Woche im Gebet wie der Mönch, oder einen Monat in Selbst­folterung wie der Fakir, bereitet er sich einfach eine gewisse Pille, die alles, was er will, ent­hält, und auf diese Weise erhält er ohne Zeit­verlust das gewünschte Ergebnis.» (Ouspensky 1949/2010, 72)

 

Wie der schlaue Mensch zum vierten Weg gekommen ist – ob über Bücher oder geistigen Dieb­stahl (Plagiat) – spielt für Gurdjieff keine Rolle. Damit wird ein weiteres Kenn­zeichen des vierten Weges ange­deutet: die Bedeutungs­losig­keit der Inspirations­quelle. Diese Botschaft könnte auch als Frei­pass für Plagiat ver­standen werden. Hat Ichazo vielleicht deshalb nie zuge­geben, dass viele seiner Ideen auf Gurdjieff und dessen Schüler zurück­gehen?

«Der vierte Weg wird manch­mal auch der Weg der schlauen Menschen genannt. Der 'schlaue Mensch' kennt einige Geheim­nisse, die Fakir, Mönch und Yogi nicht kennen. Wie der 'schlaue Mensch' das Geheimnis lernte – das ist nicht bekannt. Viel­leicht fand er es in alten Büchern, viel­leicht hat er es geerbt, viel­leicht hat er es gekauft, viel­leicht stahl er es von irgend jemandem. Es macht keinen Unter­schied. Der 'schlaue Mensch' kennt das Geheimnis, und mit seiner Hilfe sticht er Fakir, Mönch und Yogi aus.» (Ouspensky 1949/2010, 71)

 

Gurdjieff 1919 - Enneagramm mit Symbolen aus der biblischen Offenbarung-Apokalypse

Die vier Zentren werden in einer Gurdjieff-Broschüre mit den vier Tieren der bibli­schen Offen­barung (Offb 4,6ff.) dar­gestellt. Gezeichnet wurde diese Grafik von Alexandre de Salz­mann (salzmann) in Tiflis, 1919 (De Hart­mann, 140). «In dieser Zeich­nung wurden inner­halb des Ennea­gramms die vier Tiere der Apo­kalypse dar­ge­stellt: der Stier, der Löwe, der Mensch und der Adler – und mit ihnen eine Taube. Diese zusätz­liche Symbole bezogen sich auf die "Zentren".» (Ouspensky 1949/2010, 434)

 

Gurdjieff kam 1924 durch einen Auto-Unfall fast ums Leben. Nach diesem Ereignis schloss er sein Institute for Harmo­nious Develop­ment of Man und betätigte sich fortan vor allem als Schrift­steller (Gurdjieff 1950/99, i). Er scharrte aber weiter­hin Schüler um sich, von denen er insbe­sondere auch finan­ziellen Support erwar­tete (vgl. Taylor). In seinem ersten Buch Beel­zebub's Tales to His Grandson wird der Mensch jeweils als "drei-hirnige Wesen" umschrieben (z.B. Gurdjieff 1950/99, 313; übersetzt). Die drei Stock­werke wurden also zu drei Gehirne.

 

 

7 Zentren nach Gurdjieff und Ouspensky

Gurdjieff/Ouspensky: 3 Gehirne, 7 Zentren

Kathleen Riordan schreibt 1975, Gurdjieff habe nicht nur vier, sondern sieben Zentren gelehrt (Riordan, 297). Bereits Michel Wald­berg stellte 1973 in seinem französi­schen Buch über Gurdjieff in einer Grafik sieben Zentren dar (Wald­berg, 112). Gurdjieff scheint also sein obiges Zentren-Modell weiter ent­wickelt zu haben. Gut mög­lich, dass dieses Modell aber auch erst durch den Gurdjieff-Schüler Ouspensky erweitert wurde. Dessen Sekretärin schreibt: "laut Ouspensky haben Menschen [...] in sich ein Höheres Intellektuelles Zentrum und ein Höheres Emotionales Zentrum" (Seton, 5; übersetzt).

 

Riordan war eine Mit­arbeiterin von Claudio Naranjo und wir können davon aus­gehen, dass auch Naranjo dieses Sieben-Zentren Modell kennt.

 

 

Zentren-Modell von Oscar Ichazo

Ichazo: 3 Bereiche, 7 Zentren (4 + 3 Subzentren) + Reiner Instinkt

Claudio Naranjo greift nicht direkt auf Gurdjieffs Modell zurück. Er bezieht sich statt­dessen auf das spätere Zentren-Modell von Oscar Ichazo (Naranjo 1990/2004, 5). Dessen Modell ist mit Gurdjieffs weit­gehend iden­tisch. Doch Ichazo fügt noch ein weiteres Element hinzu: Reiner Instinkt (Naranjo 2017, 49). Ansonsten unter­scheidet auch er zwischen Essenz und Persön­lich­keit und erweist sich damit als Gurdjieff-Schüler (Walker 1957, 86-87).

Für Naranjo sind Essenz und Persön­lich­keit die grund­legend­sten Begriffe des Ennea­gramms – ganz nach Gurdjieff und Ichazo: "Die umfas­sendste Unter­scheidung in diesem Korpus der Psycho­logie des Vierten Weges, die ich zu umreissen versuche, ist die zwischen dem, was Gurdjieff 'Essenz' nannte, und dem, was er 'Persön­lich­keit' nannte – zwischen dem wirk­lichen Wesen und dem konditio­nierten Wesen, mit dem wir uns gewöhn­lich identifi­zieren. Wo Gurdjieff von Persön­lich­keit sprach, sprach Ichazo vom Ego – mehr im Ein­klang mit dem, was in jüngster Zeit üblich ist." (Naranjo 1990/2004, 2; übersetzt).

 

Beesing/Nogosek/O'Leary ver­öffent­lichen 1984 das erste Buch über das Ennea­gramm und teilen die instiktive Ebene in Trost und Miss­trost auf (siehe weiter unten). Ihr Trost könnte sich auf den Reinen Instinkt von Ichazo beziehen.

 

 

Palmer - vereinfachte grafische Darstellung von Ichazos Anthropologie

Palmer: 3 Gehirne, 7 Zentren (4 + 3 Subzentren)

Helen Palmer war Naranjos Schülerin (Naranjo 2017, 29). Sie greift mit ihrem Modell aber nicht auf Naranjo zurück, sondern orientiert sich an Gurdjieffs Schema, in das sie dann Ichazos Ennea­gramm-Typo­logie inte­griert. Damit schafft sie die erste systema­tische Dar­stellung von Ichazos Ennea­gramm-Lehre, deren Zentren sie mit Gurdjieffs Begriffen beschriftet (Palmer, 50; siehe Grafik):

  • Mentales Zentrum / Ideen des höheren mentalen Zentrums
  • Emotionales Zentrum / Tugenden des höheren emo­tionalen Zentrums
  • dreiteilige instinktive Ebene: sexuell, sozial, selbst­erhaltend

 

Palmer bezieht sich grund­sätz­lich auf das Buch Trans­personal Psycho­logies. Zumindest für ihr Schema über­nimmt sie aller­dings nicht die darin ver­öffent­lichten Begriffe von Ichazo (Lilly/Hart, 333-349):

  • Ego Fixation + Traps / Ideas
  • Passions / Virtues
  • Social Relationships: Syntony, Social, Conservation

 

Man sollte die Bedeutung von Palmers Über­sicht (Schema) über die verschie­denen Zentren nicht unter­schätzen. Dadurch wird es mög­lich, Ennea­gramm-Bücher systema­tisch zu analysieren und einzu­ordnen.

 

Eine solche Analyse zeigt schnell, dass Ichazos Begriffe von verschie­denen Ennea­gramm-Autoren verschieden über­nommen, benennt und gedeutet werden (vgl. Bartels 2005, 55). Das liegt an der Materie selbst. So ordnet Ichazo dem mentalen Zentrum sowohl Ego Fixation wie auch Traps zu. Palmer beschränkt sich in ihrer verein­fachten Dar­stellung auf die Ego Fixation, andere entscheiden sich für die Traps (Beesing/Nogosek/O'Leary, 180).

 

 

Beesing-Nogosek-O_Leary - Farben der Enneagramm-Typen

Beesing/Nogosek/O'Leary: 3 Bereiche, 4 Zentren + Trost/Misstrost

1984 wagen drei christ­liche Ordens­leute (USA) mit ihrem Buch "the ennea­gram – a journey of self discovery" eine erste Ver­öffent­lichung des Ennea­gramms als Typen­psycho­logie. Sie igno­rieren damit die von Ichazo auf­er­legte Geheim­halte­pflicht. Und sie führen für die instinktive Ebene eine neue Termino­logie ein, indem sie – inspiriert von St. Ignatius (Beesing/Nogosek/O'Leary, 200) – von Trost und Miss­trost sprechen. In diesem Zusam­men­hang defi­nieren sie die Ver­bindungs­linien als Pfeile und ermu­tigen, diese in Richtung Trost anzu­visieren (Beesing/Nogosek/O'Leary, 203-204). Sie ordnen jedem Typ eine passende Farbe zu (siehe Grafik). Ihr Buch hat einen grossen Einfluss auf die weitere Ent­wicklung des Enneagramms.

 

 

Rohr/Ebert: 3 Bereiche, 7 Zentren (4 + 3 Subzentren) + Trost/Misstrost

Richard Rohr (Franzis­kaner-Pater) und Andreas Ebert (evange­lischer Pfarrer) haben mit ihrem Buch Das Ennea­gramm – Die 9 Gesichter der Seele (1989) einen Best­seller geschrieben. Sie sind originell (Bartels 2005, 92), aber auch etwas kompliziert. Mit ihrer christ­lichen Termino­logie haben Rohr/Ebert das Ennea­gramm sozu­sagen "getauft" (Rohr/Ebert, 12-13) und damit auch für viele christ­liche Kreise interessant gemacht.

  • Rohr/Ebert gebrauchen den Begriff Falle nicht für Ichazos Traps, sondern für dessen Ego Fixation.
  • Ichazos Ideas nennen sie Ein­ladung (Beru­fung).
  • Passions definieren sie als Wurzel­sünde,
  • Virtues als Geistes­frucht.
  • Für die Subtypen gebrauchen sie die Begriffe sexuell, sozial und selbst­erhaltend (Rohr/Ebert, 237-247).
  • In einer inhalt­lichen Ver­tiefung sprechen sie unter anderem auch von Versu­chung, die stark an Ichazos Traps erinnert (Rohr/Ebert, 252).
  • Ihre Zuteilung der Sub­typen auf die drei Bereiche Bauch (sexuell), Herz (sozial) und Kopf (selbst­erhaltend) ist insofern kompli­ziert (Rohr/Ebert, 53), dass jeder Typ dann noch ein­mal für sich in diese Sub­typen klassi­fiziert werden kann. «Auf diese Weise ent­stehen insge­samt 27 Unter­typen.» (Rohr/Ebert, 241) Da der Typ 6 zusätz­lich in einen phobi­schen (furcht­samen) und kontra­phobischen unter­teilt wird (Rohr/Ebert, 165), sind es dann eigent­lich 28 Untertypen.
  • Schiesslich sprechen sie im Zusammen­hang mit den Pfeilen auch von Trost und Miss­trost (Rohr/Ebert, 256).

 

Übrigens: Nach 1995 zog sich Richard Rohr von der Ennea­gramm-Welt zurück, «unter dem Ein­druck immer stärkerer Vermark­tung und auf­grund immer deut­licher zutage tretender Differ­enzen zum esote­rischen 'Flügel' der Ennea­gramm-Bewe­gung». Er distan­zierte sich aber nie von seinen früheren Vorträgen und Schriften (Bartels 2005, 90-91).

 

 

Begriffswirrwarr: 3 Bereiche => 3 Zentren

Wenn auch Gurdjieffs bzw. Ichazos Zentren zum Teil verschieden inter­pretiert werden, so kennen doch alle Ennea­gramm-Bücher die grund­sätz­liche Unter­scheidung von drei Ebene bzw. Bereiche (Triaden-Theorie; Bartels 2005, 48), die ihrer­seits wiederum Zentren genannt werden (Beesing/Nogosek/O'Leary, 145; Rohr/Ebert, 53) – vielleicht um der begriff­lichen Ver­wirrung noch eins oben drauf zu geben. ☺

 

 

Enneastar - Einteilung in drei Impulse-Gruppen

Enneagramm → Enneastar®

Enneastar begibt sich nicht in die philo­so­phi­sche, sondern höch­stens in die theo­logi­sche Anthro­po­logie. Der Fokus liegt aber eher auf der Team­dynamik. Die Typen werden in drei Impulse-Gruppen unterteilt.

 

Die Impulse-Gruppe Gruppe beschreibt Men­schen, die sich in der Gemein­schaft von Gruppen erholen.

 

Die Impulse-Gruppe Details steht für Menschen, die viele Details wahr­nehmen und denen (kreative) Details wichtig sind.

 

Die Impulse-Gruppe Intuition bezeichnet Men­schen, die "aus dem Bauch" heraus ent­scheiden und handeln.

 

Enneastar - Einteilung in vier Teamrollen-Kategorien

Enneastar kennt auch eine Vier­tei­lung in Team­rollen-Kate­go­rien, die – inspi­riert durch Gurdjieff – mit den vier Tieren der bibli­schen Offen­barung illustriert werden.

 

Die Zuord­nung dieser Tiere ver­steht Enneastar nicht als Aus­legung der dahinter stehenden Bibel­stelle (Offb 4,6ff). Die Tiere illust­rieren ledig­lich die Stärke der ent­sprechenden Team­rollen-Kate­go­rien. Aber wer weiss, viel­leicht beschrei­ben diese Tiere in der Offen­ba­rung ja eben­falls eine Team­arbeit, näm­lich die gött­lich-perfekte Inter­aktion des drei­einigen Gottes?

 

 

 

 

 

 

2.  Die Herkunfts­geschichten erweisen sich als "heisse Luft"

 

 

2.1  Enneagramm: Legenden

Enneagramm-Typologie: 500 Jahre alt – oder doch nur 50?

 

Über die Herkunft des Ennea­gramms erzählt man sich viele Geschichten. Manche meinen, es gehe zurück bis auf die Antike. Auf jeden Fall aber sei die Geheim­lehre über eine geheim­nis­volle Sufi-Bruder­schaft in unsere moderne Welt hinein­gekommen.

 

Die Lehre einer geheim­nis­vollen Her­kunft ist durch­aus gewollt. Sowohl Gurdjieff (Ennea­gramm als geo­me­tri­sche Figur) wie auch Ichazo (Ennea­gramm als Typen­lehre) kleideten nicht nur die Her­kunft des Ennea­gramms in geheim­nis­volle Legenden, sondern auch ihre Bio­gra­phien. Spätere Ennea­gramm-Begei­sterte bedienten sich bei diesen Legenden nur allzu gerne und zeigten wenig Inte­resse an nüch­ternen Fakten. So klagt bereits James Webb (1980): «Research into the sources of Gurdjieff's System has been going on ever since he arrived in the West, but very little has been published that is not delibe­rately mis­leading.» (Webb, 499-500)

 

Wer sich durch das Geflecht des Geheim­nis­vollen und Wider­sprüch­lichen durch­arbeitet, wird schliess­lich fest­stellen: Zumin­dest das Ennea­gramm als Typen­psycho­logie ist nur ein paar Jahr­zehnte alt.

 

Zu diesem Schluss kommt auch Johannes Bartels (2005), der eine nüch­terne und fundierte Disser­tation über das Ennea­gramm geschrieben hat ("mitten in die Seele hinein"):

  • «Egal wie alt die Ennea­gramm-Figur tat­säch­lich ist – fest steht jeden­falls, dass die Typo­logie höch­stens fünf­zig Jahre alt ist.» (Bartels 2005, 60)
  • «Es fragt sich, wes­halb sich die These vom hohen Alter des Ennea­gramms als Typo­logie so hart­näckig hält und bis heute immer wieder repro­du­ziert wird. Offen­bar soll das Modell durch die lange Tradi­tion legiti­miert und die man­gelnde wissen­schaft­liche Fundie­rung damit aus­geg­li­chen werden. Dabei wird die ver­meint­liche Ver­an­kerung des Ennea­gramms in alten spiri­tuellen Tradi­tionen einer wissen­schaft­lichen Legiti­ma­tion gegen­über sogar als über­legen ange­sehen.» (Bartels 2005, 69-70)

Schauen wir uns die Quellen doch etwas näher an:

 

 

 

2.2  Enneagramm: Gurdjieffs Legende

Ursprung: Sarmoung-Bruderschaft – oder doch eigene Erfindung?

Gurdjieffs Geburtsort Alexandropol und erstes Wirken in Tiflis

Georges I. Gurdjieff (1866-1949) sagte nie, woher er das Ennea­gramm-Symbol hatte (siehe Grafik weiter unten). Grund­sätz­lich behauptete er, dass er seine Lehren – zumin­dest zum Teil – von einer sagen­um­wo­benen "Bruder­schaft mit dem Namen Sarmoung, deren Haupt­kloster irgendwo im Herzen Asiens liegt" hatte (Gurdjieff 1969/74, 148; übersetzt).

 

Gut möglich, dass Gurdjieffs Herkunft¹ und erstes Wirken² – beides an der Schwelle zwischen Europa und Asien (siehe Landkarten) – die Wirkung seiner ungewöhn­lichen Legenden begünstigte.

 

  ¹ damals: Alexandropol, Russland – heute: Gjumri, oder: Gyumri, Armenien

  ² damals: Tiflis, Russland – heute: Tbilissi, oder: T'bilisi, Georgien (wiki/Georges_I._Gurdjieff)

 

In Enneagramm-Büchern wird auf die "Sarmoung-Bruderschaft" all­ge­meinen als ein "Sufi-Kloster" ver­wiesen. Kenneth Walker (1882-1966), ein Schüler Gurdjieffs, geht aller­dings von einem "Essener-Kloster" aus (Walker 1952, 202; übersetzt), das er "in den Berg­regionen Turkestans" lokali­sierte (Walker 1952, 209-211; übersetzt).

Die Essener waren eine jü­dische Sekte, auf die Flavius Josephus (38-100 n.Chr.) hin­ge­wiesen und deren Schriften man in Israel (Qumran, 1947-1956) gefunden hat (Schick, 31).

 

Enneagramm Gurdjieff-Ouspensky 1949_2010
Ouspensky 1949/2010, 421

Wenn man bedenkt, dass der eine Mönch im von Gurdjieff erwähnten Kloster angeb­lich 275 Jahre alt gewesen sei (Gurdjieff 1969/74, 161), ist es schwer vor­stell­bar, dass es einen solchen Ort je gab. Gurdjieff wurde nach eige­nen Angaben mit abge­deckten Augen dorthin geführt. Dar­über hinaus musste er schwören, dass er niemandem den Ort ver­raten würde. Es sei fast unmög­lich, den Weg dort­hin zu finden (Gurdjieff 1969/74, 148-152). – Es braucht schon ein kind­liches Ver­trauen in Gurdjieff als Person, um sich einen solchen Ort als real vorzustellen.

 

Ein Freund von Kenneth Walker, eben­falls ein Gurdjieff-Schüler, denkt nach Gurdjieffs Tod laut dar­über nach, ob Gurdjieff dieses Kloster viel­leicht nur erfunden habe, sozu­sagen als litera­rische Figur. "'Es ist nur eine Vermutung', sagte er, 'und wir können nicht einmal sicher sein, dass die Welt­bruder­schaft, über die er schreibt, tat­säch­lich existiert. Einige der Reisen, die er beschreibt, und die Menschen, die er trifft, waren wahr­schein­lich nur litera­rische Mittel, mit denen bestimmte Vor­stellungen vermittelt werden konnten. [...]'" (Walker 1952, 209-211; übersetzt)

 

Gurdjieff selbst tat nicht viel, um den Ursprung seiner Lehren zu klären. Im Gegen­teil: "Über deren Herkunft lässt sich nur sehr wenig aussagen, denn Gurdjieff war bewusst vage, wenn er zu diesem Thema befragt wurde." (Walker 1952, 201, übersetzt; vgl. Smith, 240)

 

Es gibt aller­dings tat­säch­lich einen Sufi-Orden namens Naqsh­bandi, der für sich den Ursprung des Ennea­gramms rekla­miert (van Stijn, 254) und auf ihrer Home­page einen Besuch des Russen Gurdjieff erwähnt (naqshbandi.org). Diese Werbe­botschaft scheint jedoch nicht die gewünschte Wirkung auf die Ennea­gramm-Welt zu ent­falten – mich einge­schlossen. Man fragt sich halt: Warum würde ein Orden, der unbe­dingt geheim bleiben will (siehe oben), eine Internet-Seite betreiben und sich darin als Gast­geber von Gurdjieff outen? ☺

 

Taylor weist darauf hin, dass Gurdjieff in späteren Jahren, in Frank­reich, nicht mehr im Namen einer esote­ri­schen Tradition sprach, sondern sich selbst als Quelle einer neuen Erkenntnis ver­stand. Trotz­dem blieb das Geheim­nis­volle weiter­hin Gurdjieffs "Marketing-Strategie", mit der er auch bekannte und intelli­gente Menschen über Jahre hin­weg hin­halten konnte (Taylor, 122+222). Taylor bezeichnet ihn – keineswegs in böser Absicht – als schlauen Trick­betrüger (Taylor, 231). Schliess­lich aber wandten sich Gurdjieffs bekann­testen Schüler ent­täuscht von ihm ab (Taylor, 223), so auch Ouspensky.

"Ouspensky klagte, dass sich Gurdjieffs Lehr­stil in Frank­reich deut­lich von dem unter­schied, den er in Russ­land sorg­fältig dokumen­tiert hatte. Er sprach nicht mehr wie in Russ­land im Namen einer Bruder­schaft von Suchenden und einer esote­rischen Tradition, sondern in seinem eigenen Namen als Träger eines neuen Wissens, und dieser Wandel ent­fremdete Ouspensky, der in England und während des Krieges auch in den Vereinigten Staaten eine unabhängige Gruppe gründete. Es sollte aner­kannt werden, dass Ouspensky bis zu seinem Tod 1947 weit mehr Schüler hatte als Gurdjieff." (Taylor, 9; übersetzt)

 

Stammt Gurdjieffs Lehre nun von einer geheimnis­vollen Quelle oder war sie seine eigene Idee? Die Wahr­heit wird wohl irgendwo dazwi­schen liegen. Es liegt nahe anzu­nehmen, dass sich Gurdjieff bei vielen Quellen bediente, um daraus einen neuen, eigenen Mix zu erstellen. Wir nennen das heute "Syn­kre­tismus" (wiki/Synkretismus). Das erklärt auch, wes­halb Gurdjieffs Lehre von ver­schie­denen Personen auf ganz ver­schie­dene Tradi­tionen zurück­geführt wird.

"Es gibt beträcht­liche Meinungs­ver­schieden­heiten über die Quelle von Gurdjieffs 'System'. Einige haben die Sufi-Mystik dahinter gefunden, andere den Platonismus, die Hindu-Mystik, den Stoizismus, den Gnostizismus und das esoterische Christentum." (Taylor, 193; übersetzt)

 

Dass Gurdjieff sehr frei mit geistigem Eigen­tum von Autoren und Gruppen umging, zeigt seine Andeu­tung gegen­über Ouspensky, dass er seine Lehre "gestohlen" habe. Plagiat (Diebstahl von geistigem Eigen­tum) war für ihn kein Delikt, oder besten­falls ein Kavaliersdelikt.

Ouspensky "zeichnet ein Gespräch mit Gurdjieff auf, in dem dieser fragte: 'Gehört das System Ihnen?' 'Nein' ... 'Woher haben Sie es genommen?' Gurdjieff antwortete: 'Vielleicht habe ich es gestohlen.'" (Taylor, 193, übersetzt; Obwohl Taylors Quellenangabe an dieser Stelle ungenau und nicht nachvollziehbar ist, kann man seine Aussage als Gurdjieff-Kenner trotzdem ernst nehmen.)

 

 

 

 

 

 

2.3  Enneagramm: Ichazos Legenden

Ursprung: Erzengel – direkte Offenbarung – Sufi-Kloster – geheimnis­voller Mann – wissen­schaft­liche Tatsache – oder doch eigene Erfindung?

 

Enneagramm Oscar Ichazo - John Lilly and Joseph Hart
Ichazo (Lilly/Hart, 338)

Das Ennea­gramm taucht dann unter Oscar Ichazo (1931-2020) als psycho­lo­gi­sche Typen­lehre auf. Die geo­me­trische Figur hat inzwi­schen eine leichte Ver­ände­rung erfahren. Das innere Drei­eck ist nicht mehr gestrichelt.

 

Ichazo war in geome­trischer Hin­sicht grund­sätz­lich nicht so wähle­risch. Er ge­brauchte nicht nur Gurdjieffs Ennea­gramm, sondern auch andere Symbole, die er "Pythagoräische Siegel" nennt. Was er mit "Chaldäische Siegel" als weiterer Begriff genau meint, bleibt unklar, da man Gurdjieffs Ennea­gramm bei den Chaldäern ver­geb­lich sucht.

 

"Im Arica-System ver­wenden wir die pythagoräischen 'Siegel' von fünf (Pentagramm), sechs (Hexagon), sieben (Heptagon), neun (Enneagramm) und zwölf (Dodekagon). All diese geo­me­tri­schen Figuren sind ein­ge­kreist" (Ichazo 1991; Hervorh. d. Verf; übersetzt).

"Es war in einem alten Text (einem mittel­alter­lichen Zauber­buch) über das chaldäische Siegel (Enneagramm), als ich zum ersten Mal auf dieses Diagramm stieß, das für die Chaldäer eine magische Figur war." (Ichazo, zitiert in: Labanauskas/Isaacs; Hervorh. d. Verf; übersetzt)

 

Was den Ursprung seiner Lehren und die Her­kunft seiner Person betrifft, war Ichazo keines­wegs klarer als Gurdjieff. "Damals wusste man wenig über Ichazos Hinter­grund; heute ist nicht viel mehr bekannt." (Lilly/Hart, 331-332; übersetzt)

 

Charles T_Tart - Transpersonal Psychologies

John Lilly, Delphin­forscher und Psychiater (Lilly, Rückseite), und Joseph Hart, "ein ehemaliger Jesuiten­pater" (NYT 8.10.1971; übersetzt), berichten 1975 in "Transpersonal Psychologies" (edited by Charles T. Tart) detail­liert über Ichazos psycho­lo­gi­sches Ennea­gramm. Gemäss ihrem Bericht führt Ichazo seine Lehre auf einen Erz­engel Metatron zurück: "Metatron, der Fürst der Erzengel, der Ichazo Anweisungen gegeben hat." (Lilly/Hart, 341; übersetzt) Unter diesem Erzengel steht ein "Meister aller Aricaner [...] der Grüne Qu'Tub. Je nach Entwicklungs­stand des Schülers kann er sich einzelnen Aricanern bekannt machen oder auch nicht." (Lilly/Hart, 341; übersetzt)

 

Adam Smith - Powers of Mind

Der Schrift­steller Adam Smith schreibt 1975 – nicht ohne sarkas­tischen Unter­ton –, Ichazo habe sein Wissen durch "Direkte Offen­barung" bekommen. Er zitiert Ichazo: "Ich ver­brachte vierzig Tage in der Wüste in Cardova ... Ich befand mich in einem Raum ohne Ver­bindung, mein Bewusst­sein ging in das Ennea­gramm hinein, ich kehrte von der Erfahrung zurück, und jedes Ennea­gramm war voll­ständig, aber es war sehr schwer, es in Worte zu fassen. Natür­lich war dies meine psychische Projektion". (Smith, 263; übersetzt)

 

John C_Lilly - Das Zentrum des Zyklons

Gemäss Charles T. Tart (Vorwort zu Helen Palmers "Enneagram", 1991) behauptet Ichazo, dass er seine Lehren, und damit auch das Ennea­gramm, vom gleichen Sufi-Kloster habe, wie zuvor Gurdjieff. "Ich erfuhr, dass Naranjo die Grund­lagen des Ennea­gramms der Persön­lich­keit während eines Studien­auf­ent­halts in Chile bei Oscar Ichazo gelernt hatte, der wiederum behauptete, es von einer geheimen Mysterien­schule, der Sarmouni-Bruderschaft, gelernt zu haben, die es auch Grudjieff gelehrt hatte." (Palmer 1991, XIII; übersetzt)

 

Ichazo «verweigerte stand­haft die Angabe seiner Quellen und sprach wie Gurdjieff von Reisen in sufisti­sche Klöster im asiati­schen und orien­tali­schen Raum, wo er dieses geheime Wissen kennen­ge­lernt haben will.» (Häring, 25)

 

John C_Lilly - Das Zentrum des Zyklons

Offensichtlich hat sich Oscar Ichazo an den Rat von John Lilly (1972) gehalten, das Ennea­gramm als Sufi-Lehre dar­zu­stellen.

«J [ John Lilly]: Eines, was mich beun­ruhigt, ist die Frage nach einem Namen für Ihre Methode. Jetzt ist es noch nicht so wichtig [...]. Was für einen Namen wollen Sie ihr geben? Ist das eine Sufi-Sache oder etwas anderes?

O [Oscar Ichazo]: Wir nennen es immer "die Schule".

J [ John Lilly]: Die Leute wollen ein Etikett sehen. Der Sufi-Name hat in den Vereinigten Staaten grosses Prestige, Karma oder was auch immer, bei den jungen Leuten, die zählen. Wir wollen etwas völlig Neues daraus machen.» (Lilly, 198)

 

Manche scheinen grund­sätzlich Mühe zu haben mit asiati­schen Herkunfts­legenden, so auch der Journalist Adam Smith. Er fragte Ichazo ungläubig: "Nun, Sie waren mit Sufis zusammen, die Arabisch und Farsi oder Persisch sprachen, und dann sprachen andere Gruppen Hindi und Chinesisch – wie haben Sie mit ihnen gesprochen? Auf Englisch. Auf Englisch, Oscar?" (Smith, 262; übersetzt)

 

Markus Becker in Erfahrungen mit dem Ennea­gramm

Gemäss Markus Becker (in: Erfah­rungen mit dem Ennea­gramm, Hrsg. Ebert/Küsten­macher, 1991) lernte Ichazo das Ennea­gramm von einem geheim blei­benden Mann kennen. Aller­dings bleibt Beckers Quellen­an­gabe leider genauso unklar wie der von ihr erwähnte Mann:

«Sein [Ichazo's] Wissen über die Her­kunft der Typo­logie hüllt er aber, ebenso wie Gurdjieff, in einen Mantel des Gheim­nis­vollen. Angeb­lich lernte er das System kennen, als er an der Uni­versi­tät von La Paz arbei­tete, "und dort einen Mann traf, dessen Identi­tät er geheim­zu­halten ver­sprach ..." (Fussnote 7: Ennea­gramm Educator I, 1988, S. 4 "und traf dort einen Mann, dessen Identität er versprach, geheim zu halten. [übersetzt]")» (Becker, 51)

 

1991 behauptet Ichazo in "Letters to the School", die Ennea­gramm-Typo­logie sei eine wissen­schaft­liche Tat­sache. "In Arica-Publikationen wird immer wieder behauptet, Ichazo habe die Ich-Fixierungen 'entdeckt', die wissen­schaft­lich über­prüf­bare 'Fakten' der mensch­lichen Natur sind." (Justia US Law 1992; übersetzt) Im Plagiats­prozess gegen Helen Palmer wird ihm diese Behauptung schliess­lich zum Ver­hängnis (siehe weiter unten), da man eine wissen­schaft­liche Tatsache nicht mit einem Copy­right belegen kann (Justia US Law 1992).

 

Schliesslich behauptet Ichazo 1991 eben­falls, dass das Ennea­gramm seiner "Arica"-Schule (in Arica, Chile, startete Ichazo seine Lehr­tätig­keit) schlicht und ein­fach seine eigene Erfindung sei. "Ich habe die Arica-Theorie weder von irgend­einer obskuren Sufi-Sekte noch von irgend­jemand anderem erhalten. Die Arica-Theorie und die Methode werden direkt und voll­ständig von mir ent­wickelt und präsentiert. Ich bin die einzige Quelle der Arica-Theorie und -Methode." (Ichazo 1991; übersetzt)

 

Am plausibelsten erscheint mir die Annahme, dass sich Ichazo durch den Gurdjieff-Ouspenski-Schüler Rodney Collin (1909-1956) inspirieren liess, der das Enneagramm-Symbol bereits 1952 mit einer Typenlehre verband. Er ordnete dem Symbol sechs Typen zu und bediente sich dabei bei astrologischen Elementen.

 

 

 

 

 

 

2.4  Enneagramm: Kampf der Legenden

Helen Palmer (Gurdjieffs Idioten-Typenlehre) – Ichazo gegen Palmer (Plagiats­prozesse, 1991/1992)

 

Das Enneagramm vor Gericht - Oscar Ichazo klagt 1991 gegen Helen Palmer
Kampf ums Enneagramm (Subhuti)

Oscar Ichazo schweigt sich über die Her­kunft der Ennea­gramm-Typo­logie aus. Genauer: Er ver­breitete verschie­dene Legenden zu verschie­denen Zeiten, um dann schliess­lich nur noch auf sich selbst zu verweisen (siehe oben).

 

Die Naranjo-Schülerin Helen Palmer meint es besser zu wissen. Sie zeigt sich sicher, dass Ichazo seine Typen­lehre von Gurdjieff habe, der sie seinen Studenten aller­dings nicht offen kommuniziert habe. "Obwohl Gurdjieff nicht glaubte, dass seine Schüler in der Lage waren, die Bedeutung ihres Enneagramm-Typus zu erfassen, tat er viel, um die Erkenntnis des Charakters hervor­zu­rufen. Zwei seiner meist­genannten Methoden waren das 'Treten auf die Lieblings­körner der Menschen' und 'das Anstossen auf Idioten'." (Palmer, 13; übersetzt)

 

Mit diesem Ansatz führt Palmer die Ennea­gramm-Typo­logie direkt auf Gurdjieff zurück und damit weit­gehend an Ichazo – und dessen Geheim­halte­gebot – vorbei. Das einzige Ver­dienst, das sie Ichazo zuge­steht, ist die richtige Zuordnung der neun Typen auf das Ennea­gramm-Symbol. "Die korrekte Platzierung der emotionalen Leiden­schaften wurde von Oscar Ichazo vor­ge­nommen, und mit dieser verblüffend ein­fachen Anordnung dessen, was Gurdjieff als Haupt­merk­mal bezeichnete, wurde uns der Enneagramm-Code zugänglich." (Palmer, 46; übersetzt)

 

Helen Palmer - Hinweis auf den Plagiatsprozess von Oscar Ichazo
Palmer 1991, XVII

Damit bringt Palmer eine neue These in die ohnehin verwirr­liche Herkunfts­geschichte des Ennea­gramms. Diese mag für Ennea­gramm-Neulinge plausibel klingen, erweist sich bei näherer Betrach­tung aller­dings als Legende. Und das war selbst für Ichazo eine Legende zuviel. Er bezichtigte Palmer des Plagiats (Diebstahl von geistigem Eigen­tum) und ging 1991 gericht­lich gegen sie vor. Das veran­lasste Palmers Verlag 1991 dazu, die Ennea­gramm­lehre von Helen Palmer offiziell als unab­hängig von Ichazos Arica-Institut zu erklären (siehe Grafik). Der Ennea­gramm-Prozess nahm seinen Lauf. Doch beschäftigen wir uns zuerst mit Palmers Argumentation.

 

Palmer führt die Ennea­gramm­typen direkt auf Gurdjieff zurück. Sie sieht sich durch Kenneth Walker bestätigt, dem gesagt wurde, dass Gurdjieff eine 23-Idioten-Typen­lehre kenne, die vom antiken Babylon stammen soll. Diese Idioten­lehre wurde mit einem Sauf­gelage verbunden, weil sich der Typus eines Menschen – gemäss Gurdjieff – in alkoholi­siertem Zustand leichter bestimmen lasse.

"Sehen Sie, er ist ein Russe, und Russen trinken immer viel Wodka. Aber es gibt noch einen anderen und weitaus wichtigeren Grund, warum alle Gäste von G. [Gurdjieff] trinken müssen, was auch immer ihr privater Geschmack sein mag. Sehr viele Menschen gehen durch seine Hände, und er ist gezwungen, sie so schnell wie mög­lich zu sehen". (A. betonte das Wort "sehen".) "Nun, Sie wissen, wie Alkohol einen Mann so öffnet, dass das, was er vorher verborgen gehalten hat, ent­hüllt wird. Das ist es, was die Araber meinen, wenn sie sagen, dass 'Alkohol einen Menschen zu mehr macht'." "Wie lauten G.'s Regeln?" fragte ich. "Es gibt eine Reihe von Trink­sprüchen, die im Laufe des Essens getrunken werden müssen, und die üb­liche Regel ist ein Glas Brandy oder Wodka für jeweils drei Trink­sprüche. Die Frauen kommen mit sechs Toasts pro Glas davon." "Wie viele Toasts?" fragte ich besorgt nach. "Das variiert und kann bis zu fünf­und­zwanzig sein." "Warum all diese Trink­sprüche?", fragte meine Frau. "Auf wessen Gesund­heit sollen wir trinken?" "Sie kennen sich mit Typen aus", begann A., und wir nickten. "Nun, es gibt eine ganze Wissen­schaft der Typen, eine sehr alte, die angeb­lich in Babylon en­twickelt wurde. Wir trinken auf die ver­schie­denen Typen von Menschen – es gibt drei­und­zwanzig, glaube ich – zusammen mit den Namen derer, die sie repräsen­tieren. Ihr werdet gebeten, den Typ aus­zu­wählen, zu dem ihr gehört." "Und wenn man sie nicht kennt?" "Das spielt keine Rolle. Wählen Sie ein­fach den­jenigen aus, der am besten zu Ihnen zu passen scheint. Es gibt einen Zeremonien­meister, und Sie können ihn wissen lassen, was für ein Idiot Sie sind." "Ein Idiot?" "Ja, er benutzt dieses Wort, aber in seiner ursprüng­lichen und nicht in seiner erwor­benen Bedeutung. Es bedeutet wirklich "das Eigene" und ist daher nur ein anderes Wort für Typ." (Walker 1952, 152-153; übersetzt)

 

Über die Kategorien bzw. Anzahl von "Idioten" scheint es ver­schie­dene Meinungen zu geben (Taylor, 170). Elizabeth Bennett berichtet von 21 Idioten (Bennet). Taylor definiert das Wort "Idiot" als "Idio­syn­krasie", das gemäss Duden die «Gesamt­heit persön­licher Eigen­heiten, Vor­lieben und Abnei­gungen» bedeuten kann (Idio­syn­krasie). "Mein eigenes Gefühl ist, dass die Toasts, deren Reihen­folge eine Hierarchie bildet, auf die besondere 'Idiosynkratie' einer Person ver­weisen, die sie von der 'Ganzheit' des Seins zurück­hält und sie an mecha­nisches Ver­halten kettet. Gurdjieff bezeich­nete sich selbst als 'Einzigartiger Idiot' und Orage als 'Super-Idiot'." (Taylor, 170; übersetzt).

 

Taylor, ein uneheli­cher Sohn Gurdjieffs, erkennt in solchen Sauf­gelagen einen tieferen Sinn und ver­gleicht Gurdjieff gar mit Sokrates. "Wenn ich jetzt auf sie zurück­blicke, kann ich sehen, wie sehr sie Platons Symposium ähnelten, in dem die Form und der Gebrauch des Trink­bechers eine meta­physische Ver­bindung mit dem Trans­zendenten darstellt. Gurdjieff konnte, wie Sokrates, enorme Mengen trinken, ohne Anzeichen von Trunken­heit zu zeigen." (Taylor, 171; übersetzt)

Andere zeigen weniger Bewunderung für Gurdjieffs Lebens- und Essensstil: "Gurdjieff frönte frei und offen dem Alkohol und sexuellen Vergnügen" (Johnson, 138; übersetzt). Insbesondere was den Umgang mit Frauen betrifft, galt Gurdjieff nicht nur als lust-getrieben (Taylor, 224), sondern sogar als grausam. "Wenn die Geld­forderungen Orage und Jean plagten, störten Jessie und Edith die Geschichten über Gurdjieffs Behandlung von Frauen. Im November erzählte Rita Romilly ihnen die Geschichte von Doris, einem englischen Mädchen, das Selbst­mord beging, nachdem Gurdjieff sie ver­führt hatte. Gurdjieff sagte zu Rita, der Vorfall sei eine Lektion für die­jenigen, die ihm Ärger machen. 'Sie werden ein böses Ende nehmen'." (Taylor, 142; über­setzt) Taylor zeigt sich aber auch hier als hin­gebungs­voller Bewun­derer und ver­teidigt Gurdjieff. "Diese Geschichte ging eine Zeit lang als Zeichen der Grausam­keit Gurdjieffs weit herum. Dushka Howarth erklärte mir, dass der Selbst­mord viel später geschah und in keinem direkten Zusammen­hang mit etwas stand, was Gurdjieff getan hatte. Gurdjieff fand es nutzlos, Unwahr­heiten zu leugnen, sah aber Grund, sie zu Gleich­nissen zu formen, die als 'Wahrheiten' lesbar waren." (Taylor, 142; übersetzt).

 

Gurdjieff wusste, dass Menschen ihre Schlag­seiten, "Haupt­merkmale", haben (Walker 1957, 97; übersetzt) und er ver­stand es, sie damit zu konfron­tieren. Viel­leicht bezeich­neten ihn auch darum viele Zeit­genossen als "unsensibel und sogar sadistisch" (Taylor, 9; übersetzt). Gurdjieff zeigt sich trotz­dem begeistert von seiner Methode: "Ich beziehe mich auf das bereits erwähnte Prinzip, das ich mit den Worten charakterisiert habe: 'das empfind­lichste Korn von jedem, den ich getroffen habe, zu pressen'. Dank dieses Prinzips, das sich für mich als ein Wunder erwies [...], das jeden, der mir begegnete, so sehr beein­flusste, dass er selbst [...] seine Maske abnahm [...]; und dank dessen erwarb ich sofort eine beispiel­los einfache Mög­lich­keit, [...] meine Augen an dem zu weiden, was seine innere Welt enthielt [...]." (Gurdjieff 1975, 51; über­setzt) Obwohl Gurdjieff damit Menschen bis zu Tränen beleidigte und demütigte, sieht Taylor darin – zumindest im Nach­hinein – ein thera­peu­ti­sches Ziel (Taylor, 222).

 

Palmer identifiziert Gurdjieffs Haupt­merk­male mit Ichazos Leiden­schaften und Gurdjieffs Puffer mit psycho­logi­schen Abwehr­mechanismen (Palmer, 15-24). Sie führt so ziem­lich die ganze Ennea­gramm-Termino­logie auf Gurdjieff zurück, mit Aus­nahme von Ichazos Zuordnung der neun Typen auf das Enneagramm-Symbol.

"Ichazos Werk war bis 1970 unbekannt, als er eine psycho­spirituelle Aus­bildung in der Wüste nahe der Stadt Arica in Chile ankündigte. Etwa fünfzig Amerikaner nahmen daran teil, unter ihnen John Lilly, Claudio Naranjo und Joseph Hart, der den Bericht mit­brachte, dass Ichazo die Sufi-Konzepte benutzte, die vielen durch das Werk Gurdjieffs bekannt waren. Er benutzte Übungen, um die 'drei Gehirne' oder die drei Arten von mensch­licher Intel­ligenz zu ent­wickeln, die Gurdjieff als mental, emotional und instinktiv beschrieben hatte; er benutzte auch die Lehr­methode der tierischen Qualitäten, und er hatte eine kurze Abhandlung über die neun Persön­lich­keits­typen verfasst, die später in einem Kapitel über die Arica-Ausbildung in Transpersonal Psychologies ver­öffent­licht wurde. Das Wichtigste war, dass Ichazo die Typen richtig auf dem neun­zackigen Stern platziert hatte" (Palmer, 47; übersetzt).

 

Palmers Einschätzung wird bis zu einem gewissen Grad von Naranjos Erfahrungs­bericht über dessen erste Begegnung mit Ichazo bestätigt. Er hörte «Ichazo eine Sicht der mensch­lichen Persön­lich­keit zur Dar­stellung bringen, die mit jener Gurdjieffs über­ein­zu­stimmen schien und noch über diese hinaus­ging, was die Details betraf.» (Naranjo 2017, 27)

Doch Naranjo war vor allem von Ichazos "Proto­analyse" (Ennea­gramm-Typo­logie) beein­druckt, die offen­sicht­lich über Gurdjieffs Lehre hinaus­ging. «Während der Vorträge über das, was Ichazo "Proto­analyse" (Proto­análisis) nannte, erklärte er sich mit der Bitte von Dr. Fer­nández ein­ver­standen, uns die Methode praktisch vor­zu­führen, wofür er die Patienten von Dr. Fer­nández jeweils während einiger Minuten befragte. Danach lieferte er einen solch stimmigen und detail­lierten Bericht über sie, dass wir zwar höchst beein­druckt waren, gleich­zeitig aber den Sprung nicht nach­voll­ziehen konnten, der zwischen der kurzen Befragung durch Ichazo und dessen derart differen­zierter Beobach­tungs­gabe lag.» (Naranjo 2017, 27)

 

Obwohl Palmer tatsächlich nach­weist, dass viele Elemente von Ichazos Lehre auf Gurdjieff zurück­gehen (Palmer, 12-24), gibt es keinen wirk­lichen Beleg für ihre Behauptung, bereits Gurdjieff habe die neun Ennea­gramm­typen gekannt.

Vielleicht handelt es sich bei Palmers Behauptung ja auch nur um eine Schutz­be­hauptung, die sie als Vertei­digung gegen Ichazos Plagiats­vor­wurf in ihr Buch "Enneagram, Under­standing Your­self and the Others in Your Life" auf­nahm und schliess­lich auch vor Gericht vertrat (Justia US Law 1991). Wenn näm­lich die Neun-Typen-Lehre von Gurdjieff stammt, könnte Ichazo auch kein Urheber­recht darauf einfordern.

 

Ichazo reagiert auf Palmers Behaup­tung mit seinem "Letter to the Trans­personal Community" (1991). Darin ver­sucht er mit seiten­langen Hin­weisen auf antike Philo­sophien zu beweisen, dass Gurdjieffs Lehre nichts Neues sei. Er, Ichazo, habe diese Lehre bereits aus früheren philo­sophi­schen Schriften gekannt – das Ennea­gramm-Symbol inklusive! Ichazo besteht hin­gegen darauf, dass seine "Arica-Lehre" etwas völlig Neues sei.

  • "Ich möchte ganz klar sagen, dass es in der gesamten Arbeit von Herrn Gurdjieff nicht eine einzige originelle 'Idee' von irgend­einer Bedeutung gibt."
  • "Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich, obwohl ich das gesamte Material von Gurdjieff sowie die gesamte wichtige Literatur über ihn durch­gegangen bin, nie zu einer 'Idee' gekommen bin, die ich als den einzig­artigen Beitrag von Herrn Gurdjieff bezeichnen könnte. Bevor ich ihn gelesen habe, fand ich all die gleichen Ideen völlig ent­wickelt in der pythago­räischen, platonischen, stoischen, herme­tistischen, gnostischen und kabbali­stischen Tradition [...]."
  • "Die Enneagramm-Figur, von der die Gurdjieffianer behaupten, dass ich sie von ihrem Meister über­nommen habe, ist in der Tat eine der als 'Siegel' bekannten Formen, die von der pythago­räischen Schule (500 v. Chr.) und den platonischen Mathematikern (300 v. Chr.) her­gestellt wurden, die das innere Verhältnis der Zahlen zu den geome­trischen Formen unter­suchten und jeder Zahl nicht nur ihre Eigen­schaften, sondern auch ihre inneren Zusammen­hänge gaben."
  • "So hatte Herr Gurdjieff nie die Höf­lich­keit, uns seine Quellen zu nennen, viel­leicht, weil er dachte, dass es sich um eine 'interne Erwägung' handelte und aus­gelöscht werden sollte, oder viel­leicht noch ein­facher, weil er es nicht wusste."
  • "Arica legt eine voll­ständige Theorie mit präziser Logik und einer meta­physischen Analyse der Ontologie, Theologie und Geschichts­philo­sophie dar. Da ich eine völlig neue Methode vorlege, habe ich sicher­lich Recht, wenn ich sage: 'Ich bin die Wurzel einer neuen Tradition'." (Ichazo 1991; übersetzt)

 

Schliesslich greift Ichazo Gurdjieff persön­lich an, indem er auf dessen Alkohol­ab­hän­gig­keit ver­weist. Zumindest in diesem Punkt scheint Ichazo korrekt zu sein. Ansonsten wirkt seine Vertei­digung sehr emotional und über­zogen. Spätestens beim Vorwurf, Gurdjieff sei nie freund­lich genug gewesen, seine Quellen offen zu legen, würde man sich von Ichazo etwas mehr Selbstkritik wünschen.

Ironischerweise erweist sich Ichazo aber gerade auch mit seiner Ver­schlei­erung der Quellen als Gurdjieff-Schüler. Er handelt damit nicht nur nach Gurdjieffs Vor­bild, sondern auch als "schlauer Mensch" – ein Aus­druck Gurdjieffs –, der andere aus­sticht: «Wie der 'schlaue Mensch' das Geheimnis lernte – das ist nicht bekannt. Vielleicht fand er es in alten Büchern, viel­leicht hat er es geerbt, viel­leicht hat er es gekauft, viel­leicht stahl er es von irgend jemandem. Es macht keinen Unter­schied. Der 'schlaue Mensch' kennt das Geheimnis, und mit seiner Hilfe sticht er Fakir, Mönch und Yogi aus.» (Ouspensky 1949/2010, 71)

 

Schliesslich wurde Ichazo aber selbst aus­ge­stochen. Er verlor den von ihm ange­strengten Plagiats­prozess in zweiter Instanz (1992), aller­dings nicht weil Palmer ihre Behaup­tung hätte beweisen können. Ichazos Schwach­stelle zeigt sich unter anderem eben genau darin, dass er nie ver­raten wollte, von wem er sich inspi­rieren liess. Während der Aus­einander­setzung mit Helen Palmer behaup­tete er, die Ennea­gramm-Typo­logie sei eine "wissen­schaft­liche Tatsache". Das Gericht war sich dessen nicht so sicher, nahm ihn aber beim Wort – zu Ichazos Leid­wesen: Eine "wissen­schaft­liche Tatsache" kann näm­lich nicht mit einem Urheber­recht belegt werden. Ausser­dem wurde das Ennea­gramm bereits vor Palmers Marketing-Offensive ver­öffent­licht, ohne dass Ichazo gericht­lich dagegen vor­ge­gangen wäre (Justia US Law 1992).

 

Auf dieses Gerichtsurteil stützen sich da und dort ein paar über­eifrige Ennea­gramm-Fans, wenn sie behaupten, das Ennea­gramm sei eine "wissen­schaft­liche Tatsache", was gericht­lich bestätigt worden sei. Solche über­eifrige Fans ver­kennen die "salomo­nische Weis­heit" des US-Gerichts, die hinter diesem Urteil steht (vgl. Bartels 2005, 74).

 

A.H. Almaas - Facetten der Einheit

«Heute führt Ichazo ein zurück­ge­zogenes Leben als Schrift­steller auf der Insel Maui, Hawaii. Der nord­ameri­kani­schen Ennea­gramm-Bewe­gung steht er aus­ge­sprochen distan­ziert gegen­über, da er sich seit der Ver­öffent­li­chung der ersten Ennea­gramm-Einfüh­rungs­bücher als Opfer von Plagiat und Miss­verständnis sieht.» (Bartels 2005, 34)

Wenn Bartels obige Beobachtung (2005) stimmt, könnte man Ichazos Vorwort im Buch "Facetten der Einheit" (Almaas, 10-14), das ursprüng­lich 1998 auf Englisch in Berkeley, California (USA), erschienen ist, viel­leicht als Aus­nahme sehen. Darin rühmt er näm­lich Claudio Naranjo und äussert keinerlei Kritik gegen niemanden.

 

Palmer mindert mit ihrer Legende nicht nur Ichazos Beitrag für das psycho­logi­sche Ennea­gramm, sondern auch den von Claudio Naranjo. Dieser hat die Ennea­gramm-Typo­logie eigent­lich erst zur Typen­psycho­logie gemacht. Naranjo schreibt über seine frühere Schülerin: Palmers Buch ist «dasjenige, das die meiste Infor­mation ent­hält, obgleich ich von ihr eigent­lich einen originel­leren Beitrag erwartet hätte» (Naranjo 2017, 29). Mit anderen Worten: Helen Palmer hat gut abgeschrieben. ☺

 

enneagram_com - Homepage von Helen Palmer 4-08-2018

Palmer siegte vor Gericht und konnte sich weiter­hin als Ennea­gramm-Lehrerin profi­lieren: Ihre Ennea­gramm-Schule hatte grossen Erfolg, ihre Ennea­gramm-Bücher wurden als Klassiker in mehrere Sprachen über­setzt.

Sie betreibt bis heute eine erfolg­reiche Vermarktung des Ennea­gramms. Und sie vertritt weiterhin die Legende, das Ennea­gramm sei eine alte Sufi-Lehre, die durch Gurdjieff in die moderne Welt hinein­ge­kommen ist. Das macht sie in ihrem ersten Buch mit dem ersten Satz klar: "Das Ennea­gramm ist eine alte Sufi-Lehre, die neun ver­schiedene Persön­lich­keits­typen und ihre Wechsel­beziehungen beschreibt." (Palmer, 3; übersetzt)

 

 

 

 

 

 

2.5  Enneagramm: Sufi-Legende

Enneagramm (Sufi-Legende) – Enneastar (Bibel)

 

Die obigen Ausführungen zeigen, dass die wich­tigsten Ennea­gramm-Pro­ta­go­nisten, Gurdjieff und Ichazo, die Quelle(n) des Ennea­gramms bewusst ver­schlei­erten. Sie kre­ierten Legenden. Viel­leicht um sich selbst zur Legende zu machen? Ganz sicher aber sollten die Legenden die Fas­zina­tion ihrer Lehre bzw. des Ennea­gramms steigern.

 

Schliesslich widerriefen – oder zumin­dest relati­vierten – sie ihre eigenen Legenden und behaup­teten, ihre Lehren würden auf sie selbst zurück­gehen. In beiden Fällen zogen es ihre Schüler vor, an den vorher postu­lierten Legenden fest­zu­halten. Das Ver­halten dieser Schüler zeigt, dass die Legenden einen grossen Anteil an der Fas­zina­tion haben, welche von diesen Lehren ausgeht.

 

Naranjo 2004 - Enneagramm-Symbol
Naranjo 2004, iV

Die Sufi-Legende geistert bis heute durch die Ennea­gramm-Litera­tur. Auch Naranjo ver­tritt sie, wenn er behauptet, das geo­me­tri­sche Ennea­gramm sei "seit der Antike mit dem Sarmouni-Orden verbunden." (Naranjo 2004, IV; über­setzt). Sarmoun soll übrigens «die Bienen» bedeuten (van Stijn, 254).

 

Die meisten Ennea­gramm-Autoren gehen weiter als Naranjo. Für sie ist es Tat­sache, dass das Ennea­gramm nicht nur als geo­me­tri­sches Symbol, sondern auch als Typen­psycho­logie auf eine alte Sufi-Tradition zurück­geht. Diese Behaup­tung wird munter wieder­holt – ganz nach dem Leit­satz: Wenn ein Gerücht genügend lang behauptet wird, wird es viel­leicht irgend­wann als Wahr­heit akzeptiert.

 

 

Enneagramm → Enneastar®

Die Legenden von Gurdjieff und Ichazo halten einer nüch­ternen Quellen­forschung nicht stand. Gurdjieffs Ennea­gramm-Symbol wurde trotz inten­siver Suche in keinem asiati­schen Kloster gefunden. Es ist nahe­liegend, dass seine Abwand­lung von Llulls Symbol auf ihn selbst zurück­geht. Auch das Ennea­gramm als Neun-Typen-Lehre ist vor Ichazo nirgends zu finden. Es wird kaum viel älter als ein halbes Jahr­hundert sein. Damit erweist sich die Herkunft-Faszination als Pseudo-Faszination. Enneastar ver­weigert sich diesem "Schattentheater".

 

Mit dem Griff zur Bibel reichen wir aber ebenfalls tief in die Vergangen­heit zurück. Für uns ist die Bibel minde­stens so faszinierend, wie die oben erwähnten Legenden.

 

 

 

 

 

 

 

3.  Von der Ennea­gramm-Geschichte als "nicht hilf­reich" aus­gesondert

 

 

3.1  Enneagramm: Bewusstseins-Stadien

Ichazo (Satoris) – Enneastar (spiritueller Kampf versus religiöser Krampf)

 

Gurdjieffs Diagramm gemaess Ouspensky

John Lilly (1972) und Adam Smith (1975) gehören zu den Ersten, die über Oscar Ichazo und dessen Ennea­gramm- bzw. Arica-Schule berichten. Beide waren Arica-Schüler (zu verschie­denen Zeiten) und berichten des­halb aus erster Hand von ihren Erfah­rungen. Auf­fal­lend ist, dass beide detail­liert über Bewusst­seins-Stadien bzw. "Satoris" schreiben. «Oscar erklärte seine eigene beson­dere Vor­stellung von den "Satoris". Seine Satoris werden als positive Ebenen (+24, +12, +6 und +3) oder Bewusst­seins-Stadien defi­niert. Oscar benützte die Gurdjieff­schen Schwingungs-Zahlen, um die Stadien des Bewusst­seins zu spezi­fi­zieren.» (Lilly, 153-154)

 

Lilly schreibt fast nichts über das Ennea­gramm, erklärt aber auf zwei Seiten detail­liert ver­schie­dene Bewusst­seins-Stadien (Lilly, 155-156), die er seiten­lang reflek­tiert und mit Oscar Ichazo disku­tiert. Gemäss Smith sollte man minde­stens Stadium "24" errei­chen, das ver­schie­dene Namen hat: +24, Satori 24 oder Perma­nent 24. Smith erklärt dann aber ent­täuscht, dass kein Ichazo-Schüler dieses Stadium erreicht habe (Smith, 263). Stattdessen sei man in der Arica-Schule immer auf "die nächste Woche" vertröstet worden (Smith, 266-267).

 

In spä­teren Ennea­gramm-Büchern spielen diese Bewusst­seins-Stadien keine Rolle mehr, obwohl sie ursprüng­lich das eigent­liche Ziel des Ennea­gramms waren – nebst körper­lichen und medita­tiven Übungen mit phan­ta­sie­vollen Namen, inklu­sive einer speziellen Diät (Smith, 254). Die Bewusst­seins-Lehre bleibt damit ein "gnosti­sches Erlö­sungs­modell" (Bartels 2005, 44), von dem die wenig­sten Ennea­gramm-Begei­ster­ten je etwas gehört haben.

 

 

Boje-Prinzip von Enneastar

Enneagramm → Enneastar®

Enneastar sucht keine Bewusst­seins-Erwei­te­rung, aber eine spirituelle und charakter­liche Weiter­ent­wick­lung durch eine bib­li­sche Spiritualität. Diese wird niemandem auf­ge­drängt. Wer will, kann Enneastar weit­gehend ohne diese bibli­sche Grund­lage kennen­lernen und benutzen (Grundkurs). Genau genommen ist die bibli­sche Spiritualität mit ihrer Geistes­frucht aber so oder so Aus­gangs­punkt von Enneastar.

 

Wir sprechen in diesem Zusam­men­hang auch vom "Boje-Prinzip": Enneastar ist in einer bibli­schen Spiritualität ver­ankert. Je mehr man Enneastar auf den Grund geht, desto mehr wird man diese Spiritualität ent­decken. Diese Spiritualität ist vor allem im Aufbaukurses, der eigent­lich ein Vertiefungskurs ist, ein wichtiges Thema.

 

Enneastar geht davon aus, dass jedes religiöse System letzt­lich zu einer Ver­krampfung führt (Bild unten, links). Der Mensch kann vieles in den Griff bekommen, nur nicht sein Ego. Das reali­sieren wir spätestens dann, wenn wir versuchen, "bessere Menschen" zu werden.

Durch eine direkte Beziehung zu Gott über­winden wir die Falle "religiöser Krampf", weil wir dadurch aus der unend­lichen Lebens­quelle heraus leben. Konkreter: Wenn wir auf Jesus ver­trauen, bekommen wir Vergebung für ver­gan­genes Versagen und seinen Heiligen Geist für zukünftige Abenteuer mit Gott. Dieser Heilige Geist ist stärker als unser Ego. Wenn wir ihm in unserem Leben die Leitung über­lassen, wird er unser Ego ent­thronen. Wir werden zu selbst­loser Liebe befähigt, um fortan mehr und mehr nach der "Goldenen Regel" zu leben. Ein solches Leben ist ein spiritueller Kampf, da uns die Sorgen des Alltags – und anderes – immer wieder von der "Aus­rich­tung nach oben" weg­bringen wollen (Bild unten, rechts).

Hinweis: Der untere Teil der Grafik gibt es auch als Erklärungsvideo.

Ichazos System fuehrte zu religioeser Verkrampfung - Enneastar vertraut auf biblische Spiritualitaet

 

 

 

3.2  Enneagramm: Astrologie

Ichazo liess sich wohl von Collin's astro­logischer Enneagramm-Typologie inspirieren.

 

Oscar Ichazo ver­bindet das Ennea­gramm seiner Arica-Schule mit Astro­logie, um "Abwei­chungen im Denken" zu eru­ieren: «Oscar belehrte uns über die "Ego-Abwei­chungen" und wie er sie in Ver­bin­dung zu den mentations und unseren astro­lo­gi­schen Tier­kreis­zeichen [...] brachte.» (Lilly, 157; vgl. Lilly/Hart, 343) Dieser astro­lo­gi­sche Ansatz wurde in der wei­teren Ennea­gramm-Ent­wick­lung fallen gelassen bzw. als "nicht hilf­reich" aufgegeben.

 

Astrologische Enneagramm-Typologie von Rodney Collin
Astrologisches Enneagramm – Collin, 222

Es mag auf den ersten Blick über­raschen, dass Ichazo auch astro­lo­gi­sche Ansätze in seine Ennea­gramm-Typo­logie inte­griert. Doch Ichazo bedient sich so ziem­lich über­all (Smith, 262), wenn auch oft nur ober­fläch­lich.

 

Gemäss Ichazos eigenen Angaben kannte er das Ennea­gramm-Symbol schon bevor er es später in Gurdjieff-Schriften entdeckte (de Christopher, 64). Es ist gut mög­lich, dass Ichazo das Ennea­gramm durch den Ouspensky-Schüler Rodney Collin (1909-1956) kennen­ge­lernt hatte – und zwar als Typo­logie! Denn Collin verband das Ennea­gramm bereits 1952 mit einer astro­lo­gisch-alche­misti­schen Typo­logie, die sich auf die fünf «mit blossem Auge sicht­baren Planeten» (Boll 1974, 46) und den Mond bezieht (Collin, 143-144; siehe Grafik).

 

Rodney Collin - The Theory of Celestial Influence

Auch Bartels geht davon aus, dass sich Ichazo ursprüng­lich bei Collin bediente:

«Ich halte es für sehr wahr­schein­lich, dass Ichazo in seinem System von Collin beein­flusst ist – auch wenn Ichazo stets die allei­nige Urheber­schaft des modernen Ennea­gramms bean­sprucht und Collin nie erwähnt. Bei Collin finden sich nicht nur die genannte Grund­idee, sondern auch eine Reihe weiterer Bau­steine, die heute zum Konsens der Ennea­gramm-Literatur gehören. Collins Werk erschien zunächst in Latein­amerika und auf Spanisch, muss also für Ichazo durch­aus zugäng­lich gewesen sein. Zudem fällt die Ver­öf­fent­lichung von 1952 [datelobueno.com] auch zeit­lich in die Phase, in der Ichazo seine Lehre des Ennea­gramms aus­ge­arbeitet hat» (Bartels 2005, 35-36).

 

Rodney Collin starb bei der Cathedral of Santo Domingo - Cusco-Chile
Kathedrale von Cusco, Peru

Rodney Collin zog (nach Ouspenskys Tod) 1948 mit anderen Ouspensky-Schülern, die ihm folgten, von England nach Tlalpan, einem Vorort von Mexico City. Seine zwei Bücher der frühen 1950er Jahre wurden des­halb vor allem in Süd­ame­rika bekannt, wo auch Ichazo auf­ge­wachsen ist. "Infolge der Ver­breitung von Büchern durch Ediciones Sol in Latein­amerika begannen Rodney Collins Gruppen in Peru, Chile, Argentinien und Uruguay auf­zu­tauchen, und es wurden Kontakte in mehreren anderen Ländern des amerika­nischen Kontinents geknüpft." (wiki/Rodney_Collin; übersetzt)

Collin konvertierte 1954 zum Katho­li­zis­mus, um seine Ideen leichter in die süd­ameri­ka­ni­sche Gesell­schaft hinein­zu­tragen. Ironi­scher­weise starb er zwei Jahre später in Peru aus­ge­rechnet in einer katho­li­schen Kirche, in der Kathedrale Santo Domingo, Cusco (siehe Foto), als er infolge eines Herz­infarkts vom Glocken­turm fiel (wiki/Rodney_Collin).

 

Wenn Ichazo sich tat­säch­lich von Collin inspi­rie­ren liess, dann vor allem ideell. Wir können zwar die Jovial Types (7) von Collin der Sieben von Ichazo zuordnen, wenn wir uns an das engli­sche Adjektiv halten, das vom Jupiter, auch Jovis (wiki/Jupiter_(Mythologie)), abge­leitet wird (jovial = fröhlich). Das gleiche Vor­gehen führt aber bei Collins Martial Types (5), vom Mars abge­leitet, nicht zum Ziel (martial = kriegerisch). Noch weniger Treffer bekommt man, wenn man auf die Tod­sünden zurück­greift, die den jewei­ligen Planeten einst zuge­ordnet wurden.*

 

  * Die gnosti­sche Lehre der aus­gehenden Antike kannte folgende Zuord­nung: Saturn → Faulheit, Mars → Zorn, Venus → Unzucht, Merkur → Habgier, Jupiter → Stolz, Mond → Neid, Sonne → Völlerei (Boll 1913, 37)

 

astrologische geometrische Figuren

Die Verbindung des Ennea­gramms mit der Astro­logie ist eigent­lich gar nicht so über­raschend. Schliess­lich kennt die Astro­logie ähn­liche geome­trische Figuren.

 

So zeigt Franz Boll 1918 zwei astro­logi­sche Figuren, die mit den Tier­kreis­zeichen in Ver­bin­dung gebracht werden und des­halb 12 Punkte in einem Kreis auf­weisen. Sie sollen auf die Babylonier zurück­gehen und später von den Pytha­go­reern auf­ge­griffen worden sein.

 

«Die wichtigste Lehre, die auch auf die anderen mehr oder weniger ein­ge­wirkt hat, ist die von den Aspekten (Radiationes, Schematismoi), die schon der babylo­ni­schen Astro­logie ange­hört [...]. Abb. 17 ver­an­schau­licht sie. [...] So kann man natür­lich von jedem der zwölf Zeichen aus­gehend die ver­schie­denen Mög­lich­keiten erschöpfen; es ergeben sich dann sechs mög­liche Opposi­tionen, vier Drei­ecke (Abb. 18), drei Vier­ecke, zwei Sechs­ecke. [...]

Diese Lehre, die in den Kreis regel­mässige Figuren ein­zeichnet, musste vor allem den Mathe­matiker anziehen. So haben schon die Pytha­go­reer hierin die tiefsten Geheim­nisse harmo­ni­scher Welt­schöpfung gefunden; Ptolemäus ver­bindet in seiner Harmonie­lehre diese mathe­ma­tischen Ver­hält­nisse mit dem Zusammen­klang der Sphären, und Kepler hat nicht nur im Mysterium cosmo­graphicum (1596), sondern noch im Tertius inter­veniens (1610)» darauf ver­wiesen (Boll 1918, 80-81; vgl. Boll 1974, 63-64).

 

 

Enneagramm → Enneastar®

Wir finden es interessant, wie frühere Zivili­sa­tionen die Sterne und Planeten beobach­teten. In der Bibel werden die Magier (oder: Weise) vom Morgen­land (oder: Osten) durch einen Stern – oder eine Sternen­konstel­lation? – zur Krippe des Erlösers geführt (Mt 2,1-2). Wir haben nichts dagegen, wenn die Astrologie der Ennea­gramm-Typo­logie den Weg wies. Doch wir halten es wie die Magier in der Bibel: Ein­mal beim Weih­nachts­wunder ange­kommen, lassen sie sich direkt von Gott führen (Mt 2,12).

 

 

 

 

 

 

3.3  Enneagramm: esoterische Sekte

Enneagramm geht auf esoterische Arica-Sekte zurück.

 

Oscar Ichazo als esoterischer Guru
Oscar Ichazo, Arica-CD 1976

Sowohl Gurdjieff wie Ichazo gründeten esote­ri­sche Schulen. Beide führten diese ziem­lich autoritär. Heute würde man sie als Sekten­führer bezeichnen. Beide gaben sich als etwas ganz Besonderes.

 

Wir konzentrieren uns im Folgenden auf Oscar Ichazo, da er der Erfinder der Ennea­gramm-Typo­logie ist, die er ursprüng­lich "Proto­analyse" nannte.

 

Ichazo behauptet von sich, dass er in einer mysti­schen Erfah­rung die "Totalität" erlangt habe: «1964 ver­brachte ich im Haus meines Vaters in Bolivien ein Jahr in Ein­sam­keit. Dort hatte ich ein Erleb­nis, sehr zu meiner Über­ra­schung, das ohne mein Zutun pas­sierte. Nach eben diesem Erlebnis fühlte ich, dass ich "es" erreicht hatte. Meine Suche war zu Ende. Ich hatte die Tota­lität erlangt.» (de Christopher, 55; Hervorh. d. Verf.)

 

Später gründet Ichazo die Arica-Schule, um eine neue Gesell­schaft hervor­zu­bringen, die er "Meta­society" nennt.

"Bei all dieser Arbeit in der Schule von Arica versuchen wir im Wesent­lichen eines: Wir ver­suchen, von der Gesell­schaft zur 'Metagesellschaft' zu gelangen. Wir spielen hier nicht mit Worten. Wir meinen das ernst. Wir definieren die Meta­gesell­schaft als eine Gesell­schaft, in der die Individuen ihre eigenen Individualitäten trans­zendiert haben. In einer Meta­gesell­schaft ist das Individuum nicht das grund­legende Element. Die Gesell­schaft selbst ist das grund­legende Element. Das ist kein Verlust der Individualität in dem Sinne, dass wir jetzt in einen schreck­lichen Sozialismus fallen – nichts der­gleichen. Wir sprechen von Geist." (Ichazo 1982, 108-109; Hervorh. d. Verf; übersetzt)

 

Ichazo - Zeitungsinserat 1971 in der New York Times
New York Times, Arica-Inserat 1971

Ichazo will schliesslich, die ganze Welt ver­ändern. Er zieht mit seiner Arica-Schule von Arica (Chile) nach New York City, denn: "In New York gibt es mehr Menschen, die auf die Realität vorbereitet sind, als die Welt bisher gesehen hat." (NYT 8.10.1971; übersetzt)

Am 28.09.1971 wirbt Ichazo mit einem Ganz-Seiten-Inserat in der New York Times für seine Schule (siehe Grafik). Das Inserat zeigt bei­spiel­haft Ichazos Vor­liebe für fanta­sie­volle Begriffe, der sich in einem «sehr eigen­willigen sprach­lichen Codes» manife­stiert (Bartels 2005, 34). Der Titel "The Mosquito that bites the Iron Bull" sei übrigens "ein östlicher Hinweis auf die frustrierende Suche nach dem persönlichen Wesen" (NYT 8.10.1971; übersetzt). "Eine in der Tat sehr mysteriöse Anzeige." (Smith, 253; übersetzt)

 

Lilly und Heart beschreiben die Arica-Schule als "eine grosse Familie mit Ichazo als ihren Vater".

"Wie man sieht, ist die Gruppe im Arica-System von grosser Bedeutung. Der Einzelne muss seine persön­liche Bedeutung darin finden, ein Mit­glied der Gruppe zu sein, und er muss sein Glück als Mitglied einer grossen Familie mit Ichazo als Vater finden." (Lilly/Hart, 351; Hervorh. d. Verf; übersetzt)

Ichazo wollte mit Arica einen neuen Menschen­stamm gründen. "Arica, so Oscar [Ichazo], müsse ein Volks­stamm werden. Letzt­end­lich müsse die gesamte Mensch­heit ein Volks­stamm werden. Wenn der Volks­stamm sich um die Bedürfnisse kümmert, könnte der indivi­duelle Ego-Trip auf­gegeben werden." (Smith, 257; übersetzt)

 

Ichazo verspricht nichts Geringeres als das Paradies bzw. "Glück für Alle". Ein Arica-Lehrer bezeichnet diesen Zustand als 'natür­liches inneres Gleich­gewicht' – ein störungs­freier Zustand, der an Freude grenzt" (NYT 8.10.1971; über­setzt). Das Ennea­gramm, das Ichazo "Proto­analyse" nennt, dient hierzu als Werk­zeug von "enormer Präzision".

"Nur eine gemeinsame Logik, die in dem uns umgebenden Universum funktioniert, die in der Gesell­schaft funktioniert und die für den Einzelnen funktioniert, wird den wahren Zweck der Geschichte erreichen – das Glück für alle zu erreichen. Unser Schicksal wird sich erfüllen, und die lang erwartete Civitas Dei wird sich erfüllen. Was wir vor­schlagen, ist eine Methode zur erschöpfenden Analyse der mensch­lichen Psyche, wobei wir erkennen, dass sie eine Struktur ist, mit der wir umgehen können. Deshalb ist die Protoanalyse ein Vor­schlag für eine neue Theorie der Psyche, eine Theorie zur Selbst­ver­wirk­lichung, aber auch eine Theorie zur Heilung psychi­scher und physi­scher Krank­heiten, mit enormer Präzision in der Diagnose und Präzision in der Behandlung, die zur Heilung führt." (Ichazo 1982, 65; Hervorh. d. Verf; übersetzt)

 

Um dieses Paradies zu errei­chen, arbeitet Ichazo auch mit Druck. Lilly und Hart sprechen sogar von "Angst".

"Die Angst spielt in der Aus­bildung indirekt eine Rolle, da das Individuum Erleuchtung will und nicht eine Heraus­bildung des Egos. Da die Erleuchtung am schnellsten durch die Gruppe kommt, fürchtet der Schüler, der Gruppe zu miss­fallen und viel­leicht abge­lehnt zu werden. Ichazo selbst gibt und empfängt grosse Liebe, dennoch kann er zornig und streng sein und gefürchtet werden." (Lilly/Hart, 345; Hervorh. d. Verf; übersetzt)

 

Lilly und Hart – beide einst grosse Arica-Fans (vgl. Lilly, 147; NYT 8.10.1971) – warnen schliess­lich, dass sich nur stabile Persön­lich­keiten dem Druck und der Span­nung aus­setzen sollten, die ein Arica-Training mit sich bringt.

"Das Training selbst ist dynamisch, wird unter Spannung und auf einem hohen Energie­niveau durch­ge­führt. Ein solcher Druck kann für eine emotional instabile Person gefähr­lich sein, und das Arica-System hat noch keine wirk­same Methode zur Bewältigung von Zusammen­brüchen ent­wickelt; die Person wird einfach an einen Psychiater über­wiesen. Eine Person mit einer schweren Psychose sollte also nicht nach einer Heilung bei Arica suchen. Nur Personen mit einem aus­reichenden emotio­nalen Gleich­gewicht sollten sich dem Druck und der Anspannung aus­setzen." (Lilly/Hart, 351; Hervorh. d. Verf; übersetzt)

 

Smith besuchte die Arica-Schule, um als Reporter von Psycho­logy Today dar­über zu berichten (Smith, 262). Er schreibt tatsäch­lich von grossem psychi­schen Druck. Die Teil­neh­men­den wurden täg­lich nach einer dubio­sen "un­sicht­baren" Skala mit den Noten A, B und schliess­lich auch C benotet. Wer nicht koope­rierte, wurde aus­ge­schlossen. Das Schul­kom­mit­tee übte immer grös­seren Druck aus und schlug schliess­lich Haus­durch­su­chun­gen bei allen Teil­neh­men­den vor, um hinder­liche Bücher und Medien aus­zu­sor­tie­ren und zu ent­fernen. Das war eine spiri­tuelle Bank­rott­erklärung und ging vielen zu weit.

"Es gab ein Wort in Arica, chich, aus Oscars [Ichazo] Spanisch, chicherero, Geschwätz, das triviale Gerede des Geistes. Das ist es, was wir zu ver­lieren hatten. Und bestimmte Autoren und Komponisten und Leute waren chich-y mehr als andere – Beethoven hatte viel chich, sagte Oscar. Und eines Abends, nach­dem eine unge­wöhn­lich grosse Zahl von Leuten nach B gefallen war, ver­kündete ein Komitee, dass zu viel chich in den Köpfen der Leute sei und dass das Komitee vor­schlug, in die Wohnungen der Leute zu kommen und ihre Bücher und Platten aus­zu­sortieren und die chich-y weg­zu­nehmen, einfach aus Stammes­geist und Gruppen­liebe, und dann könnte das Bewusst­sein der Gruppe wieder rein sein und wir könnten schnelle Fort­schritte machen. Und das war zu viel. Damals war Arica kaum zwei Jahre alt und kurz davor, einen Index zu haben, genau wie die römische Kirche! 'Nun, Oscar wurde als Jesuit aus­gebildet', flüsterte ein Meuterer. [...] Das war ein wichtiger Moment. So sehr alle in Satori 24 leben wollten, so sehr wollten sie auch in der US-Verfassung leben." (Smith, 260; Hervorh. d. Verf; übersetzt)

 

In seinen Arica-Erinne­rungen weist Smith schon früh auf typische Schwä­chen bzw. Gefahren des Ennea­gramms hin:

  • Stolz auf den eigenen Typ: Viele sind stolz auf ihren Typ und wollen sich von dessen Schlag­seiten gar nicht lösen. "[...] niemand hatte es eilig, die Rolle auf­zu­geben, die er gewohnt war, auch wenn ihn das daran hinderte, 'frei' zu sein." (Smith, 256; übersetzt)
  • Unbewusste Erwar­tungen an Mit­men­schen: Smith berichtet im Weiteren über den "Pygmalion-Effekt" (Smith, 256): Der Ennea­gramm­kun­dige neigt dazu, seine Mit­men­schen in Typen zu kata­lo­gi­sieren. Dadurch be­ein­flusst er diese un­be­wusst (durch seine Erwartungen).

Nebst dem "Pygmalion-Effekt" gibt es noch andere psycho­lo­gi­sche Effekte, die Smith nicht er­wähnt, die im Ennea­gramm aber eben­falls zum Tragen kommen könnten:

  • Der Barnum-Effekt  beschreibt das Phänomen, dass Menschen die Nei­gung haben, vage und all­ge­mein­gül­tige Aus­sagen über ihre Person leicht als zu­tref­fend zu akzep­tieren (wiki/Barnum-Effekt).
  • Die Selbsterfüllende Pro­phe­zeiung besagt, dass sich Menschen durch "Pseudo-Wahr­hei­ten" be­ein­flussen lassen, wo­durch sich diese (falsche Aus­sagen) dann "be­wahr­heiten" können (wiki/Selbsterfüllende_Prophezeiung).

 

Ichazo will mit seiner Arica-Bewe­gung einen globalen positiven Effekt bewirken, näm­lich nichts weniger als die Apo­kalypse bzw. einen "globalen Holo­caust" verhindern.

"Wenn die Menschen sich jedoch weigern, inner­halb der nächsten zehn Jahre die Erleuchtung zu suchen, wird es einen Holocaust geben, der diesen Planeten zer­stören kann und wahr­schein­lich auch wird. Andere Kulturen in anderen Planeten­systemen haben sich laut Ichazo in der Ver­gangen­heit so selbst zer­stört. Es ist daher dringend not­wendig, dass Arica so schnell wie mög­lich Lehrer aus­bildet, und es ist ebenso wichtig, dass die Menschen auf ihre Botschaft hören." (Lilly/Hart, 340-341; übersetzt)

 

Ein "New York Times"-Artikel über Ichazos Arica-Training endet mit dem Satz: "Arica-Enthusiasten sagen, dass sie eine Art unbesieg­bare Freude ohne Drogen oder exzessives Getue gefunden haben. Sie sind sich einig, dass die wahre Prüfung erst in ein paar Jahren kommen wird, wenn sie erfahren, ob die unbesieg­bare Freude der Erosion der Zeit stand­gehalten hat." (NYT 8.10.1971; über­setzt) Diesen "Test der Zeit" hat Arica nicht bestanden. Die "unbe­sieg­bare Freude" war nicht nach­haltig. Schon nach wenigen Jahren stellten sich Ent­täuschung und Ernüchterung ein.

 

Über 40 Jahre später ist es ruhig geworden um die Arica-Schule herum. Sie ist ange­treten, die Welt zu retten. Die Welt aber lässt sich mit dem Arica-Rezept nicht ver­ändern. Ichazo hat sich schliess­lich auf Hawaii zurück­gezogen (Bartels 2005, 34). Arica hat als esoteri­sche Sekte ausgedient.

 

Copyright-Eintraege von Oscar Ichazo uebersteigen die Zahl von 10000
Copyright USA 2018

Arica hat 2018 nach wie vor eine Home­page (Arica). Diese ist aller­dings in die Jahre gekommen. Gemäss einem (scheinbar trauma­tisierten) Internet-Gegner hat Oscar Ichazo aber nach wie vor unzählige Copy­right-Einträge. "Es sind Tausende. [...] Es gibt erhebliche Über­schneidungen in den Listen." (Doughty, mothercopyright.html; übersetzt)

 

Tatsächlich zeigt sich das Online-Copyright-Verzeichnis der USA über­fordert, wenn man nach Einträgen sucht, die die Worte "Oscar Ichazo" beinhalten. Es kommt folgender Warn­hinweis: "Bei Ihrer Suche wurden mehr Daten­sätze gefunden, als angezeigt werden können. Es werden nur die ersten 10.000 angezeigt." (Copyright USA; übersetzt)

Es scheint tatsächlich so, dass Oscar Ichazo eine Obsession für Copyright-Ansprüche hat.

 

Die wenigsten Ennea­gramm-Begei­sterten sind sich bewusst, dass das Ennea­gramm aus einer esoteri­schen Sekte hervor­gegangen ist. Wir haben es Naranjos Schülerinnen und Schüler zu ver­danken, dass das Ennea­gramm der Geheim­halte­pflicht einer streng organi­sierten Sekte ent­rissen worden ist. Manche Naranjo-Schüler haben mit ihren Ennea­gramm-Büchern offenbar viel Geld ver­dient. Dabei ging es nicht immer regel­konform zu und her. Insbesondere Helen Palmers Methode, Ichazos Geheim­halte­gebot zu umgehen, indem sie ihm die Erfindung der Neun-Typen-Lehre abspricht, ist nicht die feine Art. Wir sind ihr trotzdem dankbar. ☺ Durch sie wurde das Ennea­gramm einer breiten Öffent­lich­keit bekannt. Ennea­gramm-Kundige sind sich sicher einig: Ichazo hatte viele ver­rückte Ideen. Die Ennea­gramm-Typo­logie ist eine davon. Und für diese sind wir ihm dankbar. ☺

 

Marie Seton war Sekretärin von Ouspensky, dem bekann­testen Gurdjieff-Schüler. In dieser Funktion bekam sie abgrund­tiefe Ein­blicke in das Leben dieses esoteri­schen Lehrers. Seton schreibt über diese Erfahrung: "Guru zu sein ist aus psycho&syh;logischer Sicht eine der riskanteren Berufe, und ein Anhänger zu sein, ist nicht weniger riskant." (Seton, 13; über­setzt) Diese Fest­stellung trifft sicher auch auf Oscar Ichazo zu – und auf seine Schüler. Manche ehemalige Arica-Studenten scheinen trauma­tisiert worden zu sein (Doughty, metaton). Andere suchten ihr Glück in weiteren esoteri­schen Sekten – und nahmen das Ennea­gramm auch gleich mit (Subhuti).

 

 

Enneagramm → Enneastar®

Enneastar ist keine Schule und schon gar keine Sekte. Enneastar ist ein Tool, ein Werk­zeug zur persön­lichen Weiter­ent­wicklung. Dieses Tool haben wir mög­lichst benutzer­freund­lich auf­gegleist, so auch diese Homepage.

  • Die meisten machen den 2-Minuten-Test.
  • Viele wollen danach mehr über ihren Typ erfahren.
  • Einige downloaden das Stern-Diagramm, um das Test­ergebnis besser reflektieren zu können.
  • Manche geben ein Feedback.
  • Nicht wenige wollen mehr erfahren und forschen über uns weiter.

Das ist OK. Jede Person kann selber ent­scheiden, was und wie viel sie vom Werk­zeug Enneastar mit­nehmen will. Wir sind also keine Schule, sondern eher ein Kiosk – mit vielen Gratis­artikeln. ☺

 

 

 

 

 

 

3.4  Enneagramm: Sheldons Typologie

Naranjo liess sich von vielen Typenlehren inspririeren.

 

Claudio Naranjo - Typologie nach William Sheldon - nach Enneastar-Reihenfolge

Claudio Naranjo ver­bindet das Ennea­gramm als «begei­ster­ter Anhänger Sheldons» (Naranjo 2017, 22) mit der Typo­logie von William Sheldon (1899-1977). Des­halb ordnet er jedem Typ einen spezi­fi­schen Körper­bau samt dazu­ge­höriger Ver­haltens­weise zu. Dieses System konnte sich in der wei­teren Ennea­gramm-Ent­wick­lung aller­dings nicht durch­setzen, wenn sich auch da und dort Hin­weise auf Körper­formen finden.

 

«Sheldons Körper­typen stellten sich als wenig brauch­bar für die Vorher­sage des Ver­haltens einer Person heraus, finden aber noch heute Anwen­dung in der Sport­medizin zur Erstel­lung von Trainings­programmen.» (wiki/William_Sheldon)

 

Claudio Naranjo - Grafiken aus Ennea-Type 2004

Claudio Naranjo hat eine grund­sätz­liche Schwäche für grafi­sche Typolo­gien. Das zeigt sich bei seinem ersten Ennea­gramm-Buch (Ennea-Type Structures 1990), das 2004 neu gedruckt wurde (siehe Grafik).

 

Die Grafiken dieses Buches ver­an­schau­lichen Naranjos Typen­psycho­lo­gie, kreieren aber gleich­zeitig unge­naue Stereo­typen, die keines­wegs immer zutreffen.

Damit erweisen sich Typen­grafiken als zwei­schnei­diges Schwert: span­nende Ver­an­schau­li­chung versus unnö­tige Vorurteile.

 

 

Enneagramm → Enneastar®

Wir finden Naranjos "Körper­welten" interessant. Aus eigener Erfah­rung wissen wir aber, dass diese Stereo­typen allzu oft nicht zutreffen. Ausserdem macht das Alter diesen Vor­ur­teilen einen Strich durch die Rechnung. Irgend­wann ab 55+ neigen viele Menschen dazu, mehr Gewicht zuzu­legen, während der Muskel­schwund sichtbar ein­setzt. Tja, so ist es nun mal. (Ich spreche aus eigener Erfahrung.) Umso lustiger, wenn Naranjos Vor­ur­teile zuweilen zutreffen. ☺

 

 

 

 

 

 

4.  Schluss

 

 

4.1  Enneagramm: Fazit

9 Tatsachen über das Enneagramm – Enneastar

 

Dieses Fazit fasst die obige Enneagramm-Forschung in 9 Punkten zusammen:

  1. Das Enneagramm zeigt, dass das Reflek­tieren von Tod­sünden heute noch Menschen faszi­niert und anspricht. Die (antike) Kirchen­geschichte ist durch die erwei­terte Liste der sieben Tod­sünden im Ennea­gramm inkludiert, wenn auch oft unbe­merkt.
  2. Das Enneagramm lädt ein, sich selbst zu reflek­tieren – anhand einer geomet­rischen Figur, die mit einer Typen­psycho­logie ver­bunden wird. Die (mittel­alter­liche) Kirchen­geschichte drückt mittels dieses Symbols auch hier wieder durch, bleibt aber auch in diesem Fall oft unbemerkt.
  3. Das Enneagramm kommt nicht kirch­lich daher, sondern spricht das Selbst des Menschen an. Im Zeit­alter der Selbst-Verwirk­lichung trifft es damit den Nerv der Zeit.
  4. Das Enneagramm kämpft von Anfang an mit min­de­stens zwei Schwä­chen: Viele sind stolz auf ihren Typ und wollen sich von dessen Schlag­seiten gar nicht lösen. Ausser­dem neigt der Mensch dazu, sich mit einem ihm zu­ge­ord­neten Typ nur all­zu leicht zu identifizieren.
  5. Das Enneagramm kennt keinen heiligen Text, aber mit der Sufi-Legende so etwas wie einen "heiligen Kontext", der sich aller­dings als "heisse Luft" erweist, wenn man die Ennea­gramm-Geschichte genauer studiert.
  6. Das Enneagramm ist aus einer esoteri­schen Bewegung hervor­gegangen, die ihre Quellen bewusst zu verschleiern pflegte. Diese Bewegung zeigte zuweilen sekten­ähnliche Auswüchse.
  7. Das Enneagramm wurde in den 1970er Jahren zuerst als Geheim­wissen ver­mittelt, fand schliess­lich aber trotz­dem den Weg an die Öffent­lich­keit – obwohl seine Ver­öffent­lichung durch einen Plagiats­prozess bekämpft wurde.
  8. Das Enneagramm wurde in seiner Anordnung der Typen nie in Frage gestellt, obwohl diese auf Ichazo zurück­geht, der zum Teil ziem­lich exzent­rische Ideen ver­trat, von denen manche nicht mehr Teil des Enneagramms sind.
  9. Das Enneagramm wird weiter­hin mit Ver­weisen auf antike Herkunfts­legenden ver­marktet, die fast schon eine religiöse Ehr­furcht generieren. Die gleiche Ehr­furcht steht aber auch einer nüc­hternen Weiter­ent­wick­lung des Ennea­gramms im Weg, wo­durch sich die Ennea­gramm-Bewegung in einer Sack­gasse befindet.

 

 

Enneagramm → Enneastar®

Das Enneagramm wurde von seinen berühmtesten Prota­gonisten, Gurdjieff und Ichazo, zuweilen als "Heiliger Gral" dar­gestellt. Die wirk­liche Herkunft-Geschichte – soweit sie sich nach­weisen lässt – ist hin­gegen ziem­lich profan: Die geo­metri­sche Figur geht auf Gurdjieff, die Typo­logie auf Ichazo zurück. Punkt. Erstaun­lich ist nun, dass die Anord­nung der Typen scheinbar von niemandem je in Frage gestellt wurde, obwohl auch das Ennea­gramm nur eine mensch­liche Erfindung ist.

 

Mit unserem Enneastar-Konzept lösen wir uns von der über­triebenen Ehr­furcht, die uns die Ennea­gramm-Legenden ver­mitteln wollen, ob­wohl sie sich bei genauerer Prüfung nur als "heisse Luft" erweisen. Mit viel Intuition, etwas Naivität und auf­richtigem Ver­trauen in die Bibel, erfrechen wir uns, die Ennea­gramm-Typen in ein anderes Konzept umzu­giessen.

 

Wir empfinden gegen­über den Ennea­gramm-Erfindern – Gurdjieff, Ichazo, Naranjo – echte Dank­bar­keit. Sie stiessen mit ihrer esoteri­schen Neu­gier zum Teil auf christ­liche Quellen. Ohne ihre Ent­deckungen wären wir acht­los an solch faszinie­renden Schätzen der Kirchen­geschichte vorbeigegangen.

 

Christen haben sehr schnell erkannt, dass sich das Ennea­gramm für eine charakter­liche Weiter­ent­wicklung eignet – ein Kern­thema des christ­lichen Glaubens. Wir gehen mit unserem Enneastar-Konzept nun einen Schritt weiter, indem wir direkt auf die christ­lichen Quellen zurück­gehen, um daraus ein neues Ennea­gramm zu ent­wickeln. Damit ent­fernen wir uns von der populären Ennea­gramm-Termino­logie, ver­stehen uns aber trotz­dem als Teil von ihr. Alles was lebt, will und soll sich ent­wickeln. Des­halb tragen wir mit unserem neuen Ansatz letzt­lich eben­falls dazu bei, dass das Ennea­gramm lebendig bleibt.

 

Unser Enneastar-Konzept ist – wie jede Ennea­gramm-Lehre – keine Wissen­schaft. Enneastar ist ein Produkt von unkonven­tioneller Ent­deckungs­freude. Wir ver­stehen das Ganze als "sinn­volles Spiel", um sich selbst zu reflek­tieren. Enneastar setzt des­halb den Willen und die Fähig­keit zur Selbst­reflexion voraus.

 

Enneastar ist keine Schule, wenn wir auch Schulungen anbieten. Enneastar ist ein Tool. Wir haben mit diesem Werk­zeug gute Erfah­rungen und spannende Ent­deckungen gemacht. Jeder­man ist ein­ge­laden, so viel von Enneastar zu profi­tieren, wie er/sie wünscht. Wir wünschen hierzu viel Vergnügen. ☺

 

 

Entwicklungsschritte vom Enneagramm zu Enneastar

Entwicklungsschritte: vom Enneagramm zu Enneastar®

Diese Tabelle zeigt wichtige Entwicklungs­schritte: Von den "Tod­sünden" zum Ennea­gramm, von der "Geistes­frucht" zu Enneastar – und schliesslich die Verschmelzung mit der "Belbin Team Roles Theory".

Evagrius
345-399
Mittelalterliche Theologie Enneagramm
beruht auf Wurzelsünden (1970)
Geistesfrucht der Bibel (Galater 5,22-23a) Enneastar
(2015)
Acht Gedanken1 Sieben Todsünden2 Wurzelsünden3 Enneagramm-
Typen6
← Zuordnung7 biblische Reihenfolge neue Reihenfolge8 Belbin Team Roles9
Zorn Zorn Perfektionist‑1 Geduld Helfer Co-ordinator
Hochmut Hochmut Helfer-2 Liebe Optimist Ressource Investigator
Ruhmsucht Macher-3 Treue Skeptiker Monitor Evaluator
Neid Individualist-4 Freundlichkeit Perfektionist Completer Finisher
Geldgier Geiz Beobachter-5 Güte Individualist Plant
Kummer Skeptiker-6 Friede Beobachter Specialist
Fresslust Völlerei Optimist-7 Freude Macher Implementer
Unzucht Wollust Kämpfer-8 Sanftmut Kämpfer Shaper
Überdruss Faulheit Vermittler-9 Enthaltsamkeit Vermittler Teamworker

Legende:

1 Reihen­folge bei Evagrios Pontikos: Fress­lust, Unzucht, Geld­gier, Zorn, Kummer, Über­druss, Ruhm­sucht, Hoch­mut

2 Papst Gregor I. († 604) ordnete den Über­druss der Faul­heit zu, die Ruhm­sucht dem Hoch­mut und fügte dem Sünden­katalog den Neid hinzu.

3 Die Neunzahl (9 Sünden / 9 Tugenden) wurde bereits von Ramon Llull (1232-1316) vorweg­ge­nommen. Er ergänzte die Sieben Tod­sünden mit Lüge und Unbeständig­keit. Die Tugenden des Ennea­gramms (in dieser Tabelle nicht aufgeführt) sind einfach das Gegen­teil der Wurzel­sünden.

4 van Stijn (2011) stellt fest, dass viele Perfektionisten ihre Wurzel­sünde mit Verärgerung beschreiben, beharrt aber auf dem Begriff Wut.

5 Helen Palmer ersetzte auf­grund von Interviews (Panels) die Wurzel­sünde des Kämpfers (Unzucht) mit Lust (van Stijn).

6 Reihen­folge der Ennea­gramm-Typen wird durch die Geo­metrie des Ennea­gramms begründet (Trost­punkte und Miss­trost­punkte bzw. Stress­punkte; Flügel).

7 Zuordnung der neun­ Eigen­schaften der Geistes­frucht auf die neun Ennea­gramm­typen (nach Markus Brunner)

8 Reihenfolge von Enneastar richtet sich nach der Reihen­folge der biblischen Auf­zählung in Galater 5,22-23.

9 Der Wirtschafts­psycho­loge Meredith Belbin (* 1926) aus England erklärt mit der Belbin Team Roles Theory das Geheimnis von erfolg­reicher Team­bildung. Er ging ursprüng­lich von acht Team­rollen aus, definierte später dann aber noch eine neunte (Specialist).

 

 

 

 

 

 

 

4.2  Enneagramm: Literaturverzeichnis

Quellen für die Enneagramm-Forschung

 

Almaas, A.H.; Facetten der Einheit. Das Enneagramm der Heiligen Ideen. Englische Originalausgabe: 1998. Deutsche Ausgabe: 2004. J. Kamphausen Verlag & Distribution GmbH. Übersetzung: Christine Bolam. Vorwort von: Oscar Ichazo (September 1998). ISBN: 3-933496-85-3

Arica. www.arica.org (Datum: 16.02.2019)

Bartels, Johannes. "mitten in die Seele hinein". Das Ennea­gramm im Kontext religiöser Erwachsenen­bildung. Religions­päda­gogische Kon­texte und Kon­zepte Bd. 13. LIT Verlag, Münster. 2005. ISBN 3-8258-7282-3

Bartels, Johannes. Auf den Spuren des Enneagramms. Teil 1 – Das Enneagramm Gurdjieffs: Eine ganze Heilsgeschichte in einem Zeichen. In: EnneaForum. Rundbrief des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm e.V. Nr. 17, Mai 2000.

Becker, Markus. Empir­ische Unter­suchun­gen zum Ennea­gramm – Grund­lagen und Ver­gleiche. In: Erfah­run­gen mit dem Ennea­gramm. Sich selbst und Gott begegnen. Andreas Ebert / Marion Küsten­macher (Hrsg.) Claudius Verlag, 3. Auflage, 1992. ISBN 3-532-62110-X

Beesing, Maria O.P. / Nogosek, Robert J. C.S.C. / O'Leary, Patrick H. S.J. The Enneagram. A Journey of Self Discovery. Dimension Books, Inc. Denville, New Jersey 07834. 1984. ISBN: 0-87193-214-8

Belbin, R. Meredith. Management Teams. Why they succeed or fail. Third Edition. Published by Routledge New York 2013. First published by Butterworth-Heinemann 2010, ISBN: 9780434901272. ISBN 978-1-8561-7807-5

Belbin, R. Meredith. Team Roles at Work. Erste Publikation: Butterworth-Heinemann, 1993, ISBN: 9780750609258. Published by Taylor & Francis. 2010. ISBN 978-1-85617-800-6

Belbin, R. Meredith. The Belbin Guide to Succeeding at Work. First published 2008. 4. Auflage. Published by Belbin, Cambridge, England. 2013. ISBN 978-0-9552979-5-3

Bennett, Elizabeth & John G. Ein Toast auf alle Idioten! Gurdjieff und die Wissenschaft der Idiotie. https://chalice-verlag.de/texte/tp-bennett-gurdjieff (Datum: 14.04.2019)
Taylor schreibt über John Bennett: "Im Juli 1953 hält Jean fest, dass die Mitarbeiter der Gurdjieff-Stiftung – Edwin und Dorothy Wolfe, Bill und Louise Welch und Rita Romilly – nicht 'allzu viel von Bennett halten. Er ist schon zu lange aus der Arbeit raus'. Tat­säch­lich hatte Bennett zwischen 1923 und 1948 keinen Kontakt zu Gurdjieff gehabt, eine Zeit, die er selbst als 'Schlaf' bezeichnete, aber nach Gurdjieffs Tod bildete er in Süd­england enthu­sia­stische Gruppen.» (Taylor, 204, Fussnote 4; übersetzt)

Bernet, Claus. Magda Kelber: Sozial­pädagogin, Sozial­arbeiterin und Erfin­derin der Gruppen­päda­gogik. In: Quäker-Nach­richten – Meldungen aus dem welt­weiten Quäker­tum. 22.04.2012. http://quaekernachrichten.blogspot.ch/2012/04/magda-kelber-sozialpadagogin.html (Datum: 23.04.2018)

Boll, Franz. Die Lebensalter. Ein Beitrag zur antiken Ethologie und zur Geschichte der Zahlen. Mit einem Anhang über die Schrift von der Siebenzahl. Verlag von B.G. Teubner, Leipzig und Berlin, 1913.

Boll, Franz. Unter Mitwirkung von: Bezold, Carl. Sternglaube und Sterndeutung. Die Geschichte und das Wesen der Astrologie.
Verlag und Druck von B.G. Teubner, Leipzig, 1918. Aus Natur und Geisteswelt. Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen. www.iapsop.com/ssoc/1918__boll___sternglaube_und_sterndeutung.pdf (Datum: 29.03.2019) Achtung: Bei diesem Online-Dokument fehlen mehrere Seiten. Ich habe deshalb auf die Buch­fassung zurückgegriffen.

Boll, Franz; unter Mitwirkung von Bezold, Carl. Gundel, W. (Hrsg.). Sternglaube und Sterndeutung. Die Geschichte und das Wesen der Astrologie. B.G. Teubner, Stuttgart. 1974. 7. unveränderte Auflage. ISBN: 3-519-07202-5

Bringéus, Nils-Arvid, Volks­tüm­liche Bilder­kunde. Verlag Georg D.W. Callwey, München. 1982. ISBN: 3-7667-06357

Callot, Jacques (1592-1635). Das gesamte Werk in zwei Bänden. Einleitung: Thomas Schröder. Verlag Rogner & Bernhard, München. 1971. ISBN 3 920802 71 3

Collin, Rodney. The Theory of CELESTIAL INFLUENCE. Man, The Universe, and Cosmic Mystery. First published: Vincent Stuart, London. 1954. Eastern Eagle Press, London – Amsterdam
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3. Teil – Zorn, Groll, Bitterkeit: www.erzdioezese-wien.at/7-todsuenden-zorn
4. Teil – Geiz und Enge: www.erzdioezese-wien.at/7-todsuenden-geiz
5. Teil – Unkeuschheit, Nebenabsichten in der Liebe: www.erzdioezese-wien.at/7-todsuenden-unkeuschheit
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https://digital.blb-karlsruhe.de/98159 (Datum: 15.12.2017)
«Der besondere bibliophile bzw. buch­künst­lerische Reiz liegt in den zwölf ganz­seitigen Miniaturen von hervor­ragender Qualität. Sie stellen das Leben des Raimundus Lullus mit legenda­rischen Elementen dar, geben eine allego­rische Dar­stellung seiner Gedanken­welt und präsen­tieren auch die Arbeit Le Myésiers wirkungs­voll. Die Absicht der von Le Myésier in Auf­trag gegebenen Miniaturen nennt dieser gleich in den ersten Sätzen, in denen er erläutert, daß er diese Bilder habe ver­fertigen lassen, um die Herkunft des Lullianischen Gedanken­gebäudes dar­zustellen und zweitens um durch die legenda­rischen und erbau­lichen Bilder Trost und Erbauung und damit einen Ansporn zum guten Handeln zu geben.» www.hottopos.com/mirand8/thomas.htm (Datum: 15.12.2017)
Bild-Legenden: www.ub.uni-freiburg.de/fileadmin/ub/referate/04/lullus-ikonographie.htm (Datum: 15.12.2017)

Llulls Sarg. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ramón_Llull._Sepulcro.jpg (Datum: 16.12.2017)

Lull, Raymundi. Ars magna, generalis et vltima Ars magna. Fertigstellung des Werkes: 1308. Druck: 1517, held in the Getty Research Institute. (Hinweis durch: https://therealsamizdat.com/tag/tabula-generalis – Datum: 13.12.2017.) "Figura A" ist auf Seite 34, "Figura T" auf Seite 36.
https://archive.org/stream/illuminatisacrep00llul/illuminatisacrep00llul#page/n4/mode/1up (Datum: 13.12.2017)

Palmanova 1593. www.faena.com/aleph/articles/seven-utopian-cities-that-can-be-visited-even-today (Datum: 6.03.2019)

Uta-Codex (11. Jh.). http://de.mittelalter.wikia.com/wiki/Datei:Uta-Codex,_BSB_Clm_13601,_folio_1v.jpg (Datum: 18.02.2019)

 

 

 

 

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